Die einfachste Regel für gute Texte: Vertritt jemand eine andere Position?

Wahrscheinlich war es Jöran, von dem ich diese einfache Regel gelernt habe: Ein guter Satz enthält eine Aussage, mit der jemand nicht einverstanden ist. Gemeint ist das so: Es gibt eine vernünftige, faire Person, die sagen würde: «Nein, das sehe ich anders, nämlich so: …».

Selbstverständlich brauchen Texte auch andere Sätze, die helfen, das zu verstehen, was mit der Aussage gemeint ist. Manchmal muss man erklären, wie Begriffe gemeint sind, einen Kontext beschreiben. Geschenkt. Aber im Kern muss jeder Abschnitt einen Satz enthalten, der kontrovers ist.

Muss? Wenn der Text etwas bewegen, etwas bewirken soll. Das gilt besonders für Reden, für Vorworte – also Texte, die quasi Lücken füllen, die eigens für sie geschaffen werden.

Ich möchte das an einem Beispiel zeigen: «KI soll nur eingesetzt werden, wenn damit ein klarer Nutzen verbunden ist.» So etwas steht schnell einmal in einem Papier, wird schnell einmal gesagt. Es fühlt sich richtig an. Nur: Damit sind doch alle einverstanden? Warum sagt man einen Satz, mit dem man offene Türen einrennt?

Das kann zwei Gründe haben: Erstens argumentiert man so oft gegen einen Strohmann, also eine erfundene Person, die niemand vertritt. Hier wäre das die Position, dass KI auch eingesetzt werden soll, wenn das komplett sinnlos ist. Das behauptet niemand. Oft kommt das bei kulturpessimistischen Aussagen zur Mediennutzung vor. Dort stehen dann so Sätze wie: «Kinder sollen Medien nur nutzen, wenn sie dafür die nötigen Kompetenzen mitbringen.» Ja, würden wir alle unterschreiben. Gesagt oder geschrieben wird das aber, weil man so tun möchte, also verträten die nicht kulturpessimistischen Fachpersonen, die sich zu Medien äussern (also ich z.B.), Meinungen wie diese. Man unterstellt damit also anderen Personen problematische Sichtweisen.

Zweitens möchte viele Menschen nichts sagen, womit jemand nicht einverstanden sind. Sie fürchten sich vor Kritik, vor Widerspruch – sie möchten maximal gut ankommen und irgendwie alle abholen. Dabei vergessen sie, dass auch etwas, womit jemand nicht einverstanden ist, diese Person abholt. «Jede KI-Abfrage muss für Nutzer:innen mit Kosten verbunden sein» wäre z.B. eine Forderung, die Widerspruch erzeugt. Sie ist deshalb besser als eine vage Aussage zum Nutzen, weil sie diesen Nutzen konkret macht: Wer einen Nutzen hat, ist auch bereit, dafür einen Preis zu zahlen. Selbstverständlich ist das aus verschiedenen Gründen nicht unproblematisch, aber es wäre eine Aussage, die alle, die sich damit beschäftigen, weiterbringt.

Ich sage und schreibe oft Dinge, bei denen mir bewusst ist, dass nicht alle einverstanden sind. Einerseits mag ich das, andererseits bin ich überzeugt, dass es hilft, das Normalisierte, Selbstverständliche begründen zu müssen. Wenn ich also sage, jede Schule würde besser, wenn Noten morgen abgeschafft würden, dann müssen Menschen, die davon nicht überzeugt sind, sagen, warum ihnen Noten helfen. Sie können nicht einfach so tun, als gehörten Noten zur Schule, sondern sie müssen sagen, warum sie gut finden, dass Lehrpersonen benoten. Damit sind wir einen Schritt weiter.

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