Das perfekte Prüfungsformat im KI-Zeitalter

In Zusammenarbeit mit meinen inspirierenden Kolleg:innen ist an meiner Schule ein Prüfungsformat entstanden, das ich für zeitgemäss und zukunftsfähig halte. Es funktioniert wie im Folgenden ausgeführt (ein Beispiel-Projekt ist hier verlinkt):

  1. Die Schüler:innen arbeiten in selbstorientierten Lernphasen an längerfristigen Leseaufträgen. Die Lektüre kann dabei aus Sachtexten oder belletristischen Texten bestehen.
    (An meiner Schule sind solche selbstorientierten Gefässe schon etabliert, was hier eine Erleichterung darstellt.)
  2. Diese Arbeit kann allein oder in Gruppen erfolgen. Die besten Ergebnisse erzielen meine Schüler:innen, wenn sie einen Text alleine bearbeiten.
  3. Sie bereiten ein längeres Gespräch über den Text schriftlich vor. Dabei formulieren sie Thesen und wählen Passagen aus dem Text aus, über die sie gern diskutieren möchten. Die entscheidende Kompetenz liegt dabei darin, anhand dieser Passagen Thesen plausibel zu machen.
  4. Mit den schriftlichen Arbeiten bereite ich ein Prüfungsgespräch von 30-45 Minuten vor (Kolleg:innen führen auch noch längere Gespräche). Das Gespräch ist kein Abfragen von Wissen, sondern ein Austausch zwischen Personen, die einen interessanten Text gelesen haben und darüber diskutieren.
  5. Mit dabei sind immer auch andere Schüler:innen der Klasse, die mitdenken, zuhören und eigene Fragen stellen.
  6. Denkbar ist, dass die Schüler:innen am Schluss den gelesenen Text abgeben, damit anhand von Randnotizen ihre Vorbereitung und ihr Verständnis noch beurteilt werden kann.

Der Frage, wie und welche KI-Tools Schüler:innen einsetzen, kommt dabei eine untergeordnete Bedeutung zu. Problematisch wäre hier nur, wenn damit eine Lektürevermeidung betrieben würde. Aufgrund der Tiefe und Länge des Gesprächs ist das aber kaum zu leisten.

Was überzeugt mich am Format?

  • Schüler:innen entwickeln hier echte Expertise. Sobald sie für ein Werk zuständig sind, vermeiden sie Fallen, die in der traditionellen Prüfungskultur nachhaltige Lerneffekte immer und immer wieder behindern. In dem beschriebenen Format entsteht Interesse, eine Lesekultur und auch eine Fehlerkultur.
  • Das Format zeigt die Haltung gegenüber Lernenden, die mich in Christof Arns Ausführungen zur agilen Didaktik immer beeindruckt haben: Ich interessiere mich für das, was sie denken, wahrgenommen haben und fragen. Sie füllen nicht schematische Aufgaben aus, sondern sind echte Gesprächspartner:innen. Ich nehme sie nicht defizitorientiert wahr.
  • Eine Note ist gar nicht nötig. Die Schüler:innen machen eine Erfahrung, die einen grösseren Wert hat, als eine Note je haben könnte. Sie merken, wenn sie bei Passagen unsicher sind oder Zusammenhänge nicht gut verstanden haben. Ich kann ihnen offenes Feedback geben. Die Reduktion des Gesprächs auf eine Zahl ist denkbar, aber irgendwie auch unsinnig (ich arbeite mit einem Kompetenzraster, das so aussieht).
  • Schüler:innen machen viele positive Erfahrungen: Sie merken, wie belohnend eine längere Lektüre sein kann, wie interessant Gespräche über literarische Texte sind und sich schriftliche Vorbereitung und mündliche Explikation verbinden. Dabei erfahren sie, dass sie mehr können als eine KI – sie tanken Selbstvertrauen.
  • Die Schüler:innen lernen voneinander, hören einander zu und nehmen andere als Fachpersonen wahr.

Dieser Dreischritt von selbstgesteuerte Vorbereitung – schriftliche Vorbereitung und mündliche Prüfung ist aus meiner Sicht in allen Fächern auf allen Stufen denkbar. Das Vorgehen bedingt genug Zeit für die Lernenden, was dann auch Lehrkräfte so weit entlastet, dass sie diese für sich genommen aufwendigen Prüfungen durchführen können. Gleichzeitig müssen die Lernenden bei der Vorbereitung aber auch Unterstützung erhalten – der Aufwand ist wirklich nicht zu unterschätzen.

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