Dopamin-Sucht gibt es nicht – und warum «Dopamine Detox» ein so verbreiteter Ratschlag ist

Auf digitalen Plattformen finden sich unzählige Ratschläge, die von ähnlichen Annahmen ausgehen, wie sie sich in diesem Video des Influencers Iman Gadzhi finden. Gadzhi fordert Menschen auf, ihre Handyzeit zu beschränken, keine Youtube-Videos zu schauen (!), auf Pornos zu verzichten und zu meditieren. Das alles begründet er einerseits mit Produktivitätszielen, andererseits mit «Dopamine Levels», die gesenkt werden müssen.

Die Vorstellung, die Nutzung von Smartphones oder Social-Media-Plattformen sei mit der Ausschüttung von Dopamin und einer Art Sucht verbunden, hält sich hartnäckig – auch unter Pädagog:innen, Politiker:innen, Eltern. Stimmt das?

Ein SRF-Beitrag fasst die Ergebnisse der Forschung so zusammen:

Ein grosses Missverständnis. Falsch verstandene Wissenschaft. Eine fehlgeleitete Modewelle. Das sagen Forscherinnen und Forscher zum Hype ums Dopamin-Fasten. […] Sucht ist weit komplizierter als die eh schon komplexe Natur eines einzelnen Neurotransmitters. Entsprechend haben Versuche mit Dopamin in der Suchttherapie nichts gebracht.

Auf einer Harvard-Website formuliert ein Arzt das noch klarer – Dopamin ist ein Neurotransmitter, «Dopamin-Detox» oder «Dopamin-Fasten» reduziert sein Level nicht:

Dopamine is one of the body’s neurotransmitters, and is involved in our body’s system for reward, motivation, learning, and pleasure. While dopamine does rise in response to rewards or pleasurable activities, it doesn’t actually decrease when you avoid overstimulating activities, so a dopamine “fast” doesn’t actually lower your dopamine levels.

Dopamin ist mit Sucht-Verhalten verbunden. Wenn Menschen lustvolle Aktivitäten erleben, schüttet ihr Hirn quasi als Vorbereitung Dopamin aus. Drogen wie Heroin, Kokain oder Amphetamine können diesen Ausstoss vervielfachen – während er bei der Nutzung von Handy, bei Youtube-Videos oder Pornografie in einem ähnlichen Ausmass ausgeschüttet wird, wie bei jeder anderen lustvollen Aktivität.

Was als «Dopamine Detox» verkauft wird, erleben viele Menschen als hilfreich. Das hat damit zu tun, dass sie dabei Praktiken entwickeln, die psychologisch generell hilfreich sind:

  1. Sie lenken sich weniger ab.
  2. Sie agieren achtsamer.
  3. Sie betreiben eine bessere Schlafhygiene.
  4. Sie vergleichen sich weniger stark mit anderen.
  5. Sie erleben Selbstwirksamkeit und Kontrolle über ihr eigenes Verhalten.

Die Bildschirmzeit zu reduzieren, vor dem Schlafen nicht mit dem Handy zu spielen, Pornos bewusst zu schauen, während der Arbeit nicht gleichzeitig TikToks zu schauen – all das hat fast nichts mit Dopamin-Levels zu tun, aber ist trotzdem vernünftig und meist gesund.

(Ich habe hier nur wenige Quellen zitiert, wer mehr sucht, kann in dieser Perplexity-Sammlung welche finden.)

1 Kommentar

  1. Avatar von mebîmabo mebîmabo sagt:

    Die Aussage «Dopamin-Sucht gibt es nicht» ist zutreffend.

    Das Wort «Dopamin-Sucht» ist doppelt umgangssprachlich, denn schon nur das Wort «Sucht» ist «nur noch» ein umgangssprachlicher Begriff.

    Medizinisch heisst es «Abhängigkeit», z.B. ICD-11: 6C51, z.B. 6C51.0 für Computerspielabhängigkeit.

    Was auch zutreffend ist: «Dopamin ist an der Entstehung von Abhängigkeit beteiligt.»

    Abhängigkeit vs. Sucht: «Die WHO führte 1964 anstelle des Begriffs der Sucht den Begriff der Abhängigkeit in die ICD ein, […]» (Universität Bonn; https://www.drze.de/de/forschung-publikationen/im-blickpunkt/enhancement/module/sucht-bzw-abhaengigkeitssyndrom-nach-icd-und-dsm)

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