Dieses Jahr ist das Buch Weniger macht Schule von Benedikt Wisniewski und Barbara Gottschling erschienen. Darin fordern sie Verantwortliche an Schulen auf, eine additive Denkweise zu verlassen und sie durch «De-Implementierung» zu ersetzen. Das begründen sie wie folgt:
Die Antwort auf die Frage »Warum De-Implementierung?« lautet also im Kern: Weil durch das Weglassen von unnötigen oder unsinnigen Dingen die Möglichkeit entsteht, die essenziellen Dinge besser machen zu können. Und zu den essenziellen Dingen gehört auch die Regeneration der Beschäftigten.
Die zentralen Ziele der De-Implementierung im System Schule sind […]:
- Lehrerinnen und Lehrern Zeit zurückzugeben, die sie nutzen können, um sich auf effektives Unterrichten und die Unterstützung ihrer Schülerinnen und Schüler zu konzentrieren,
- Programme und Initiativen zu entfernen, die geringe, keine oder unerwünschte Effekte haben,
- die Verringerung benötigter materieller, zeitlicher und personeller Ressourcen und
- die Reallokation von Ressourcen hin zu nützlichen Tätigkeiten.
Der Verdienst des Buches von Wisniewski und Gottschling ist klar: Sie geben der Möglichkeit Raum, dass Schulen bestimmte Aktivitäten beschränken oder aufgeben können – um so besser zu werden. Skeptisch bin ich bei der Forderung, pädagogische Tätigkeiten müssten maximal «effektiv» oder «nützlich» sein. Hier implizieren die Schreibenden eine Messbarkeit und eine Optimierung, die an Schulen so nicht zielführend ist, weil Schulen keine Fabriken sind, sondern Orte, an denen Menschen interagieren.
Deshalb möchte ich den Fokus etwas anders setzen. Meine These ist: Weglassen ist an Schulen Tabu. Das hat wie bei vielen Tabus zur Konsequenz, dass es ungesteuert und versteckt stattfindet.
Wie ist das gemeint? Nehmen wir einmal die Ebene von Profilen. Wer in der Schweiz ein Gymnasium abschliesst, sollte einerseits bereit sein, jedes Fach zu studieren, andererseits eine «vertiefte Gesellschaftsreife» mitbringen, also in einem umfassenden Sinn Verantwortung für das soziale Handeln mitbringen. Nun erhalten jedes Jahr viele junge Menschen eine Matur, die viele Fächer nicht studieren können, die nicht bereit sind, anspruchsvolle gesellschaftliche Aufgaben zu übernehmen. Das Profil formuliert also ein Ideal, das dann in der Praxis nicht erreicht wird. Was genau kann weggelassen werden? Das wird nicht gesteuert, es ist nicht festgelegt. Schulen, Lehrpersonen und Schüler:innen lassen ganz Unterschiedliches weg, am Schluss ist die Vergabe der Matur ein bürokratischer Prozess, bei dem ein paar Noten verrechnet werden.
Dasselbe passiert bei Inhalten und Kompetenzen in einem Fach. Wiederum schreiben Lehrpläne ein ideales Maximum von dem vor, was Schüler:innen verstehen oder können sollten. In der Unterrichtsrealität sieht das anders aus: Gestern habe ich mit einer Klasse das Flamingo-Gedicht von Rilke besprochen. In meinen Vorbereitungsunterlagen sind Lernziele festgehalten, die Schüler:innen sollten verstehen, was Rilke mit «Kunst-Ding» meint, sie sollten seine ästhetischen Ausführungen mit der Analyse des Gedichtes verbinden. Ich habe es mit der Klasse gerade noch geschafft, das Gedicht zu lesen und eine vertiefte Deutung vorzunehmen. Viele können und konnten damit nichts anfangen, sie wären beim nächsten Gedicht, das ich mit ihnen lesen würde, wieder dort, wo sie am Anfang der gestrigen Stunde waren. In einem Monat wissen sie nicht mehr, wer Rilke war und auch nicht, wie er über Kunst und Wirklichkeit gedacht hat.

Einige Schüler:innen haben Deutsch schon abgewählt – im Stillen. Sie müssen unter den breiten fachlichen Anforderungen auswählen, sie entscheiden sich für einige Fächern, in denen sie folgen können und lernen wollen. In anderen passen sie schon gar nicht mehr auf. Ihre Abwahl erfolgt im Versteckten, sie wird tabuisiert, obwohl sie systematisch vorkommt.
Wir könnten meine These auch auf Schulen als Organisation übertragen und würden sehen, dass jede Schulen aus den vielen Aufgaben (Gesundheitsförderung, nachhaltige Entwicklung, Verantwortung gegenüber dem Quartier/Dorf, Sozialarbeit, Entwicklung der Schule etc.) einige auswählt, die sie bearbeiten kann – und viele weglassen muss. Es geht nicht anders. Warum nicht: Weil wie bei Profilen von Lernenden, Fächern, Kompetenzen und Inhalten auch hier additiv gedacht wird. Schulen müssen immer mehr leisten. Das gilt auch für Lehrpersonen, deren Berufsauftrag explodiert, ohne dass Menschen in der beschränkten Arbeitszeit alles auffangen könnten, was hinzukommt.
Mein Vorschlag wäre: Bewusst weglassen. Wahlmöglichkeiten bieten und transparent machen, was nicht gemacht wird. Mit Lernenden und Lehrenden darüber sprechen, wie man damit umgeht, wenn zu viel erwartet wird, wenn man nicht alles leisten kann, was man leisten sollte. Dazu gehört auch das Bewusstsein, dass sich Anforderungen verändern und alte verschwinden, wenn neue hinzukommen. Ehrlich und verantwortungsbewusst wäre aber eine transparente, bewusste Form des Weglassens und Verzichtens. Kein ständiges Addieren zu ohnehin unerreichbaren Idealen, sondern pragmatische Überlegungen, was «good enough» ist und was halt (noch) nicht.
Ich unterstütze deinen Vorschlag, mehr wegzulassen und dabei transparent zu sein. Voraussetzung dafür sind Menschen, die selbstbewusst und stark genug sind, um anderen zweifelnden Menschen aufzuzeigen und zu erklären, weshalb sie was weglassen.
Wir erleben an der Primarschule teilweise superehrgeizige Eltern, die sehr gestresst und ängstlich sind, dass ihre Kinder die Matur nicht schaffen, wenn wir dies oder das nicht „durchnehmen“. Da bräuchte es wohl neben der Begleitung der Lehrpersonen und Kinder auch viel Begleitung, Erklärung und Unterstützung der Eltern – und sehr viel Vertrauen.
Als Organisation sind wir daran gewisse Dinge wegzulassen. Aus Sicht der Schulleitung kann ich sagen: es ist eine Gratwanderung und wir bewegen uns oft im dunkelgrauen Bereich – doch weil wir uns sicher sind, dies bewusst tun und den Sinn und Nutzen sehen, tun wir es.
… schön erfasst, das Weglassen findet in dunkelgrauen Bereichen statt. Darin versteckt sich eine tolle Logik: Innovation ist immer Abweichung von Konformität, ist also immer Devianz. Deshalb stimme ich Philippe zu: Lehrpersonen und Schulleitungen müssen mutig sein, wenn sie entscheiden, Dinge wegzulassen. Oder wann und bei was sie ein Vorgehen wählen, das ggf. eben nur bedingt konforme Ideen bedient oder gar von Standards abweicht.