Was für Smartphone-Verbote spricht

Ums vorwegzunehmen: Ich bin gegen staatliche Verbote, die Schulen daran hindern, pädagogische Lösungen für pädagogische Probleme zu finden. Ein Smartphone-Verbot beschneidet den Handlungsspielraum von Schulen unnötig, es ist eine schädliche Belastung – all das habe ich kürzlich hier festgehalten.

In der Diskussion meines Beitrags wurde ich gefragt, ob es nicht doch Argumente gebe, die für ein Smartphone-Verbot sprechen würden. Darauf möchte ich drei Antworten geben, die wesentliche Thesen der Befürworter:innen aufgreifen:

  1. Smartphone-Verbote (allein) wirken nicht.
    Eine aktuelle Studie aus Grossbritannien zeigt, dass Schul-Verbote die Nutzungszeit nicht verringern und die Gesundheit Jugendlicher nicht verbessern. Im Fazit merken die Autor:innen an, dass Bewegung, Schlaf, Freizeitangebote, Unterstützung und andere Aspekte die Lebensqualität junger Menschen massiv beeinflussen. Nur ganzheitliche Lösungen können etwas bewirken. Wenn Smartphone-Verbote oder -Beschränkungen Teil einer umfassenden Kampagne für die (mentale) Gesundheit von Jugendlichen darstellen würde, könnte ich mir vorstellen, sie zu unterstützen. Alleine wirken sie nicht und sind eine Ausrede für Bildungspolitiker:innen, um nichts Wirksames tun zu müssen.
  2. Die Broken-Windows-Theorie und der Netzwerkeffekt.
    Lässt man Schüler:innen im Teenager-Alter in der Schule das Smartphone nutzen, dann verbringen sie ihre schulischen Pausen sehr oft mit digitalen Aktivitäten: Sie scrollen oder zocken. Dabei passen sie sich an ihre Peers an, also auch die Jugendlichen, die gerne plaudern oder sich bewegen würden, nutzen dann ihre Handys, um dabei zu sein, um Zeit mit den anderen verbringen zu können. Solche Effekte gibt es an verschiedenen Orten: Selbst Aufmerksamkeit im Unterricht ist mit mehr Aufwand verbunden, wenn andere gleichzeitig am Laptop zocken und man sich gegen die Versuchung wehren muss, das auch zu tun.
    Das Argument für ein Smartphone-Verbot lautet dann ungefähr wie folgt: Indem Smartphone-Verbote die Nutzung von privaten digitalen Geräten an Schulen untersagen, machen sie es leichter für Schüler:innen, mit anderen sozial zu interagieren und tiefgründig zu lernen. Sie entlasten Jugendliche, weil sie sich nicht mehr aktiv gegen die Nutzung von Smartphones entscheiden müssen, da sie diese gar nicht mehr nutzen können. In seiner Replik auf meinen Beitrag erwähnt Stefan Geschwindigkeitslimiten auf Autobahnen: Diese gelten für alle und nehmen individuellen Fahrer:innen die Entscheidung ab, ob sie so schnell fahren sollen, dass sie sich und andere gefährden.
    Mir leuchtet das Argument ein: Es sollte für Schulen so stichhaltig sein, dass sie in vielen Phasen des Unterrichts Smartphone-Beschränkungen durchsetzen. Gleichzeitig müssen Schüler:innen aber erstens Selbstregulierung im Kontext der Versuchung lernen, weil an Arbeitsplätzen, im Studium und überall sonst im späteren Leben keine Verbote greifen, welche einen entlasten, sondern ein vernünftiger Umgang mit Medien Menschen zugemutet werden kann. Zweitens sind digitale Freizeitbeschäftigungen für Jugendliche oft durchaus wertvoll, auch wenn sie für Erwachsene sinnlos aussehen. Hier müssen Lehrpersonen aufpassen, dass sie in Regulierungen nicht ihre emotionale Bewertung digitaler Aktivitäten als Grundlage von Verboten heranziehen.
  3. Einige Schüler:innen sind doch zu jung?
    Einige Leser:innen meiner Beiträge stimmen mir grundsätzlich zu, finden aber, Kinder unter 10 Jahren sollten nun wirklich nicht Smartphones nutzen und schon gar nicht in der Schule.
    Das finde ich auch. Es gibt im deutschsprachigen Raum kaum Grundschulen, welche die Smartphone-Nutzung zulasssen. Das Argument hat deshalb einen Strohmann-Charakter, staatliche Smartphone-Verbote ändern hier eigentlich nichts. Gleichwohl gibt es Situationen, in denen Grundschüler:innen oder ihre Eltern es wichtig finden, wenn diese im Rahmen einer Ausnahme ein Smartphone an die Schule mitbringen können. Weil das Kind zum ersten Mal selbständig zu den Grosseltern geht nach der Schule und froh ist, wenn es den Busfahrplan noch mal abrufen kann. Weil ein Schüler einen Vortrag über sein Lieblingsgame hält und gerne zeigen möchte, wie er ein Level meistert. Weil zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas ganz Wichtiges passiert könnte und eine Schülerin froh ist, wenn sie auch in der Schule die App öffnen kann, in der sie das nachverfolgen kann.
    Hier auf generelle Verbote zu verweisen und Eltern und Kindern schulmeisterlich mitzuteilen, das sei nun wirklich nicht nötig und man könne einen Fahrplan aufschreiben, ein Game beschreiben oder das Wichtige sei eigentlich gar nicht wichtig – das ist keine pädagogische Haltung, die ich mir von einer Schule wünsche. Ich arbeite gerne an Schulen, welche die Bedürfnisse junger Menschen auch dann wahrnehmen, wenn sie mit digitalen Artefakten zu tun haben.

Fazit: Schulen sollen sinnvolle Lösungen finden, ohne auf staatliche Vorgaben verweisen zu müssen. Wir leben generell in einer Zeit der Verantwortungsdiffusion – viele Menschen suchen Wege, um Entscheidungen nicht verantworten zu müssen, sondern sich durch komplexe Verweise und Berechnungen zu entlasten. Schulen sollten Orte sein, an denen Menschen Verantwortung übernehmen. Wenn Schüler:innen zu jung für Smartphones sind, dass sollten Schulleitungen und Lehrpersonen das Eltern und Kindern mitteilen und die Schulkultur entsprechend gestalten. Wenn Schüler:innen an Oberstufen nicht mehr gut lernen können oder sich von spannenden Aktivitäten abhalten, weil sie permanent am Handy sind, dann sollen die Verantwortlichen das ansprechen und mit den Jugendlichen gemeinsam Lösungen suchen. Es spricht viel dafür, dass Schulen den Umgang mit Handys regeln. Gleichzeitig spricht viel dagegen, dass die Politik Schulen vorschreibt, wie sie das tun müssen.

Habe versucht, ein Conni-Meme zu machen, bin aber gescheitert, weil ChatGPT nicht mitgespielt hat… 

4 Kommentare

  1. Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

    der wohl naheliegendste grund für ein smartphone-verbot in der schule ist die fehlende kompetenz der lehrerInnen, mit dem smartphone lehren und lernen zu können.

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