Das Rhizom erproben: Lesen im Netz

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Also steigen wir einfach irgendwo ein, kein Eingang ist besser als ein anderer, keiner hat Vorrang, jeder ist uns recht, auch wenn er eine Sackgasse, ein enger Schlauch, ein Flaschenhals ist. Wir müssen nur darauf achten, wohin er uns führt, über welche Verzweigungen und durch welche Gänge wir von einem Punkt zum nächsten gelangen.

So führen Deleuze und Guattari in ihr Kafka-Buch ein. Diese Anleitung bedeutsam, zumal jede Lektüre heute übers Netz vermittelt ist. Das Netz oder das Rhizom hat das Buch längst ersetzt – das Buch ist zur Metapher geworden, zur leeren Form, in welche Netzausschnitte gepresst werden. Auf Wikipedia gibt es den Button »Buch erstellen«.

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Bücher waren immer schon vernetzt. Ihre lineare Form ist eine Erfordernis des Druck- und Vertriebprozesses, nicht eine des Schreibens, Denkens oder Lesens. Das zeigen Werke wie Büchners Woyzeck oder Kafkas Process, die auch deshalb zu den wichtigsten Texten der deutschen Literatur gehören, weil sie eine lineare Lektüre hintertreiben.

Gute Literatur (und damit auch gute Literaturwissenschaft) schafft Netze, die »allenfalls jene, die ein Werk zu »deuten« versuchen, verwirren« – weil das Werk »in Wahrheit nur experimentell erprobt sein will« (Deleuze/Guattari). Erproben heißt das Netz betreten, seinen Verzweigungen folgen, sich darin verirren.

Prokrastination, das ziellose Verschwinden im Netz, ist die Abweichung vom linearen Arbeitsverfahren. Es ist die fahrige, zufällige, orientierungslose Lektüre. »Sich in einer Stadt nicht zurechtzufinden heißt nicht viel. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man in einem Walde sich verirrt, braucht Schulung« – das Wort aus Benjamins Berliner Kindheit um 1900 gilt auch fürs Lesen.

Der Verlust von Linearität und Sinnstruktur, das Verlassen der Formate des Buches und der Seite sind oft ein Gewinn. Wer nicht über die Bibliothek in die Lektüre einsteigt, sondern über die undurchsichtigen Algorithmen der Suchmaschine, verirrt sich schneller, schweift ab, springt in andere Zusammenhänge. Beginnt vom Lesen zum Schreiben überzugehen und kreiert das Netz, in dem er sich schon verloren hat.

Der Literaturwissenschaftler Alexander Pschera schreibt in seinem Essay über Soziale Netzwerke (Titel: 800 Millionen):

Das Soziale Netz existiert nicht ohne uns. Daher ist es nicht lesbar, obwohl es ständig auf sein Gelesen-Werden-Wollen verweist. Die sozialen Medien geben sich die Gestalt eines zu lesenden, dem im Lesen ein Klang abzuhorchen ist. Facebook gibt sich den Namen eines Buches, jedoch eines Buches, das genauso wenig lesbar ist wie ein Gesicht. Facebook ist ein leeres Buch, das zugleich geschrieben und gelesen werden will. Das Netz ist nicht lesbar, weil es keinen eigenen Text hat.

The Author

philippe-wampfler.ch

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