Warum einige Politiker:innen so an Noten und Prüfungen hängen – der meritokratische Zirkelschluss

Wenn Menschen sich vertieft mit Bildungsfragen auseinandersetzen, kommen sie immer irgendwann an den Punkt, an dem sie sich fragen: «Warum setzt man das eigentlich nicht endlich um, wenn sie fast alle Fachpersonen einig sind, dass sich damit erhebliche Missstände lösen liessen?» Die Antwort von Menschen, die schon länger an und in Bildungssystemen arbeiten, enthält meistens zwei Komponenten:

  1. Systemabhängigkeiten
    Diese Implementierung würde eine Reihe von anderen Veränderungen erfordern, für welche die Kraft und die Ressourcen und nötige Bereitschaft fehlen.
    Beispiel: Ein späterer Schulbeginn würde bedeuten, dass Eltern entweder später zur Arbeit könnten oder ihre Kinder anders betreuen müssten. Beides ist nicht so einfach, also lässt man die Anfangszeiten so, wie sie sind.
  2. Glaubenssätze, Erwartungen und Ideologie
    In den Köpfen von Menschen ist ein Bild von Schule verankert, das meist alternativlos ist. Das hat damit zu tun, dass sie als Kinder die Grammatik der Schule schmerzhaft lernen mussten. Könnte man sie verändern, dann wäre dieses Opfer sinnlos gewesen. Deshalb halten sie an Annahmen fest, die sie loslassen könnten.
    Beispiel: Hausaufgaben bringen wenig und könnten ohne grosse Systemabhängigkeiten weggelassen werden. Viele Eltern geben ihren Kindern aber die Erwartung mit, dass Hausaufgaben zur Schule gehören. Deshalb gibt es oft Widerstand gegen die Abschaffung.

Diese beiden Aspekte führen zu einer hohen Systemstabilität, die man auch als Trägheit bezeichnen könnte. Wer etwas ändern möchte, muss sowohl die Systemabhängigkeiten als auch die Erwartungen managen und transformieren. Das erschwert Innovationen.

Eines meiner Themen ist der Druck und die Ungerechtigkeit, die durch Prüfungen und Noten ins Schulsystem gelangen. Gerade Fragen der Selektion erzeugen dabei starke Systemabhängigkeiten. Genauso wichtig sind aber ideologische Glaubenssätze, von denen ich heute einen etwas genauer analysieren möchte.

Der Glaubenssatz besagt, dass in der Gesellschaft diejenigen belohnt werden, die viel leisten – und diejenigen bestraft, die wenig leisten. Dieses Konzept wird mit dem Begriff Meritokratie bezeichnet. Es hat auch eine normative Seite und eine machtbezogene:

  • Gesellschaftliche Systeme sollen so angelegt werden, dass Leistung belohnt und ausbleibende oder mangelhafte Leistungen bestraft werden.
  • Wer viel leistet, soll mehr Rechte und mehr Einfluss haben als Menschen, die wenig leisten.

Obwohl der Begriff Meritokratie ursprünglich als abschreckende Warnung erfunden wurde, um eine Gesellschaft zu verhindern, die Rechte und Ressourcen aufgrund von «Leistungen» verteilt, sind die damit verbundenen Vorstellungen heute weit verbreitet.

Worin besteht ihre Anziehungskraft? Sie kann jeden Verdacht zerstreuen, dass die Verteilung von Gütern und Rechten ungerecht sei. Wer etwas hat oder darf, was andere vorenthalten wird, kann sich meritokratisch damit trösten, dass das so mit eigenen Leistungen verdient sein muss. Wem auf der anderen Seite etwas verwehrt wird, kann sich nicht beklagen: Die eigenen Leistungen waren offenbar nicht gut genug.

Meritokratisches Denken stabilisiert Besitzverhältnisse und Macht. Das kann durchaus auch antidemokratische Züge annehmen, wenn etwa der Einfluss von finanzstarken Lobbys auf die Politik bewusst nicht beschränkt wird – oder es Reichen möglich ist, mit politischer Werbung Einfluss auf demokratische Prozesse zu nehmen und etwa Wahlen zu gewinnen.

Was hat das mit der Schule zu tun? Ausserhalb von Schule ist die Annahme, die Verteilung von Privilegien und Geld erfolge nach Leistungskriterien, überhaupt nicht plausibel. Die meisten Reichen sind nicht aufgrund ihrer Arbeit reich, sondern weil sie viel Geld geerbt haben (wer wirklich an Meritokratie glaubt, müsste für maximale Erbschaftssteuern eintreten…). In der Schule hingegen können Leistungen in der Form von Noten erhoben werden und dann an bestimmte Privilegien gekoppelt werden (Berechtigung zum Studium).

Kinder lernen dieses grundsätzlich kontraintuitive Denken schon sehr früh. Zuvor erwarten sie, dass alle Geschwister entweder gleich viel bekommen (bei Geschenken) oder so viel, wie es ihren Bedürfnissen entspricht (beim Abendessen). Das wären wohl faire Verteilmechanismen, die aber nicht der meritokratische Ideologie entsprechen. Die Gleichbehandlung von Schüler:innen oder ihre Bedürfnisse werden dann spätestens in der Grundschule ihren «Leistungen» untergeordnet.

Nur: «Leistung» ist eine Erfindung. Man kann sie weder messen noch vergleichen. Wer leistet mehr: Die Mutter, die im Büro bezahlter Erwerbsarbeit nachgeht, oder der Vater, der zuhause unbezahlte Care Arbeit verrichtet? Who is to say. Aber im meritokratischen System darf Care Arbeit nicht bezahlt werden, weil wir damit verbundenen Leistungen nicht honorieren wollen, weil sie nicht bezahlt werden… ???

Hier versagt die Logik. Wir sind bei einem meritokratischen Zirkeschluss angelangt, der Ungleichheit mit ungleichen Leistungen begründet und und ungleiche Leistungen willkürlich erzeugt und erhebt, auch wenn gar nicht klar ist, was als Leistung zählt und was nicht.

Und in diesem Zirkelschluss braucht es die Schule. «Du wirst merken, dass das im Leben dann auch so ist, dass diejenigen belohnt werden, die besser arbeiten…» ist der Satz, der die problematische Prüfungskultur an Schulen rechtfertigt. Wirklich erfahren haben das Erwachsene aber immer nur in der Schule, weil die ungleichen Löhne in jedem Unternehmen nichts mit Leistung zu tun haben, sondern mit Männerbünden, mit Macht, mit Intransparenz, Willkür, Tradition und Korruption. Einige verdienen halt mehr als andere.

Auch in der Schule funktioniert die leistungsbasierte Selektion nicht. Sie ist immer nur ein Vorwand, um eine fundamentale gesellschaftliche Ungerechtigkeit zu verstecken. Sie sieht in der Schweiz etwa so aus: Fast 80% der Kinder von Privilegierten erhalten Zugang zu einem tertiären Bildungsgangs. Bei den Benachteiligten sind es knapp 50%. Entscheidend für den Bildungserfolg von Kindern sind also recht stark die Eltern, nicht ihre Leistungen.

OliverWymann-Studie 2023, Quelle

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