In der unseligen Debatte über Verbote von Smartphones oder Social Media oder nur algorithmisch gesteuerte Plattformen oder nur ein paar Plattformen, die sich problematisch anfühlen, an Schulen oder generell überall für Unter-14-Jährige oder Unter-16-Jährige oder Unter-18-Jährige – in dieser sehr diffusen und wirren Debatte gibt es ein Argument, das immer wieder vorgebracht wird:
Der Staat verbietet aus guten Gründen Alkohol und Nikotin für Minderjährige, weshalb also nicht Bildschirme und Plattformen, zumal die genauso süchtig machen wie Alkohol und Nikotin.
An diesem Argument stimmt nichts. Wirklich gar nichts. Wer es verwendet, sollte damit aufhören.
- Der Staat verbietet zwar Alkohol und Nikotin für Minderjährige, diese konsumieren beides aber dennoch. Das Verbot führt nicht dazu, dass der Konsum aufhört. (Ja, das Verbot ist ein Signal, aber kein Argument.)
- Der Staat verbietet Alkohol und Nikotin nicht nur, weil diese Stoffe süchtig machen, sondern auch deshalb, weil sie Jugendlichen besonders stark schaden. (Die naheliegende Frage lautet dabei, weshalb er Alkohol und Nikotin wie andere Drogen nicht generell verbietet, zumal sie allen Menschen schaden und alle Menschen süchtig machen.)
- Alkohol und Nikotin machen körperlich süchtig. Das tun digitale Medien oder Bildschirme nicht. (Das wird zwar mit irreführenden Dopamin-Argumenten nahegelegt, stimmt deshalb aber weiterhin nicht.)
- Bildschirme und digitale Plattformen können von gesunden Menschen auf gesunde Arten genutzt werden. Die meisten Jugendlichen, also rund 85%, gehen damit völlig problemlos um, auch wenn sie diese intensiv nutzen. Jugendliche, die täglich Alkohol oder Nikotin konsumieren, haben alle ein Problem. Sie sind süchtig und fügen ihrem Körper Gift zu. Das ist bei der Nutzung digitaler Medien nicht so.
Die Verwendung dieses problematischen Arguments zeigt, dass es keine sinnvollen politischen oder pädagogischen Argumente für generelle Verbote gibt. Das wird auch daran erkennbar, dass immer diffus gehalten wird, was genau für wen verboten werden soll. Die Vorstellung, man könnte Kindern und Jugendlichen etwas verbieten, was für Erwachsene selbstverständlicher Teil ihres Alltags und ihrer Arbeit ist, ist absurd. Erwachsene trinken während der Arbeit in der Regel keinen Alkohol und auch der Nikotin-Konsum unterliegt recht strengen Regeln. Das ist bei digitalen Plattformen und Bildschirmen nicht so: Viele Berufe erfordern die permanente Nutzung solcher Medien.
Es ist ein Politversagen, wenn eine Moral Panic und die fehlende Regulierung einer problematischen Industrie dazu führt, dass man Jugendliche für etwas bestrafen will, was sie weder verursacht haben noch auf eine generell problematische Art und Weise nutzen.
Entscheidend wären vier politische Massnahmen:
- Genug Geld und die nötige Infrastruktur für breite, wirksame, zeitgemässe Präventionsarbeit. Kinder und Jugendliche müssen lernen, wie man gesund lebt. Sie brauchen Unterstützung und Therapieangebote, müssen ohne übermässigen Leistungsdruck aufwachsen, sich bewegen und vielfältige soziale Beziehungen knüpfen können. Sie müssen verstehen, wie sie sich in ihrem Köper wohlfühlen und wie sie gesund bleiben können.
- Verbote auf der Anbieterseite – wer mit digitalen Plattformen Geld verdienen will, muss wirksamen Jugendschutz anbieten. In der Schweiz sollte Werbung generell nur auf Plattformen geschaltet werden dürfen, welche die Funktionsweise ihrer Algorithmen offenlegen und Addictive-Design-Features nur für Erwachsene per Opt-In anbieten.
- Digitale und einfach zugängliche Formen von Glücksspiel (z.B. Lose, Sportwetten, Loot Boxen) sollten verboten oder streng reglementiert werden.
- Harte Strafen für Unternehmen, welche digitale Übergriffe wie Doxing, Stalking, Deepfakes etc. auf ihren Plattformen tolerieren.