Texte ohne und mit KI schreiben – das Uetiker Konzept für den Maturaufsatz

Im Moment entwickeln einige Deutschlehrpersonen an der Kantonsschule Uetikon einen zweistufigen Maturaufsatz. Ich gehöre auch zu diesem Team. Wir haben alle Schüler:innen des Jahrgangs schon einen Testlauf schreiben. Auf den Erkenntnissen daraus beruht dieser Zwischenbericht.

Die Grundidee: sowohl – als auch

Viele Schüler:innen übergeben Schreibaufgaben generell an KI-Tools. Sie haben Mühe damit, Sätze auf ein leeres Blatt oder in ein leeres Dokument zu formulieren. Dadurch verpassen sie den Aufbau von Schreibkompetenzen, der in vielen beruflichen und gesellschaftlichen Bereichen weiterhin bedeutsam ist – zudem erfolgen einige vertiefte Denkprozesse über das schriftliche Erschliessen von Zusammenhängen. KI-Tools führen zu einem De-Skilling, wenn diese Prozesse ersetzt und übersprungen werden.

Als Schule haben wir die Verantwortung, Grundfertigkeiten beim Schreiben zu sichern. Ein verbindliches Prüfungsformat hat hier eine Anker-Funktion, es signalisiert, dass diese Kompetenzen wichtig sind. Es bietet Orientierung für Unterrichtsaktivitäten. Zusammen mit Kolleg:innen habe ich begonnen, Schüler:innen in Hefte schreiben zu lassen, damit die ChatGPT-Affordanz sich verändert und es leichter wird, von sich aus an Texten zu schreiben und sie weiterzuschreiben, zu überarbeiten.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch einen hohen Anteil von Schüler:innen, die mangelnde KI-Textkompetenzen haben. Sie können nur einfachste Vorgänge mit KI-Tools durchführen, laden kaum je Dokumente hoch und benutzen kein DeepResearch. Fordert man KI-Nutzung bei einer wichtigen Prüfung an, ist das für sie ein Anreiz, sich vertieft mit diesen Möglichkeiten auseinanderzusetzen.

Schreiben ist ein Prozess. Ihn in zwei Schritte zu unterteilen ist sinnvoll. Im ersten entstehen eigene Ideen und Formulierungen, die dann im zweiten korrigiert, verbessert und erweitert werden, auch unter Zuhilfenahme dafür geeigneter Werkzeuge.

Da der Maturaufsatz – hier habe ich länger über seine Geschichte und Funktion geschrieben –  auch die Funktion hat, beim Abschluss der Schulzeit den Stand des eigenen Denkens zu präsentieren. Somit ist er eine sinnvolle Gelegenheit, den aktuellen Stand der Technologie zu reflektieren und sein eigenes Verhältnis dazu zu klären. Kürzlich wurde der Maturaufsatz von Max Frisch publiziert, den dieser 1930 geschrieben hatte. Auch er schrieb über die Technologie seiner Zeit. Das klingt so:

Vom Standpunkte des Glückes aus beurteilt ist die Technik abzulehnen; sie nimmt uns die mechanische Arbeit und gibt uns Zeit. Diese verwenden wir zum Denken. Je klarer und logischer wir aber denken, desto rascher erkennen wir die bodenlose Stumpfsinnigkeit unseres Daseins. 

Aus diesen Gründen ist die Grundidee: Schüler:innen sollen sowohl ohne KI schreiben als auch mit.

Die Umsetzung

Die Schüler:innen schreiben zwei Texte, wie das der folgenden Abbildung zu entnehmen ist. Sie geben Teil A in Classtime ab, erhalten ihn von der Lehrperson per Teams zugeschickt und geben dann Teil B in Teams als Word-Dokument ab.

Die Schreibumgebung in Classtime, in der die Schüler:innen arbeiten, ist über den SafeExamBrowser geschützt [ja, gerissene Schüler:innen haben diese Einschränkung schon umgangen und werden das wieder tun]. Das bedeutet, dass die Schüler:innen in diesem Fenster eingeschlossen sind, bis sie den Text abgegeben haben. Sie können keine anderen Programme aufrufen und auch nicht auf KI-Tools zugreifen.

Im Teil B können die Schüler:innen das Internet frei benutzen. Da ihre Aufgabe aber darin besteht, einen bereits bestehenden Text zu überarbeiten und zu erweitern, ergibt es hier wenig Sinn, einen reinen KI-Text zu produzieren und ihn abzugeben.

Unten habe ich ein Beispiel für eine Aufgabenstellung abgebildet. Die Schüler:innen erhalten vier Aufgaben in einem ausgedruckten Dossier. Zu Beginn kennen sie die Aufgaben für Teil A und Teil B.

Bewertung

Die Bewertung von Maturaufsätzen erfolgt im Kanton Zürich nicht standardisiert, sondern wird von der Lehrperson im Rahmen der Bewertungskultur vorgenommen, die im Unterricht etabliert worden ist. Da ich mit Kompetenzrastern beurteile, habe auch für diesen Text ein Kompetenzraster erarbeitet.

Dieses Raster setze ich bei der Bewertung von Probelauf-Texten ein. Mir ist dabei Folgendes wichtig:

  1. Die Anlage ist sehr komplex, die Aufgaben stellen hohe Anforderungen an Schüler:innen. Können sie einen Teil davon nicht erfüllen, dürfen sie nicht zu stark dafür bestraft werden (z.B. wenn ihre Rechtschreibung im Teil A fehlerhaft ist).
  2. Die Texte sind aufeinander bezogen. Es reicht nicht, nur Text A oder Text B auf ein gutes Niveau zu bringen, um eine gute Note zu erhalten. Gleichzeitig müssen Stärken, die nur im Text A oder Text B vorhanden sind, gewürdigt werden.
  3. Text B soll nicht ein KI-Text sein, sondern immer noch die Stimme und Denkweise der schreibenden Person zeigen.
  4. Ein kreativer, mutiger und kompetenter Einsatz von KI soll auch Wertschätzung erfahren. Ich habe meinen Schüler:innen eine kleine Anleitung gegeben, in der Mindeststandards erkennbar werden:
    –> craft.phwa.ch/a6xDwHGw2ye7Jp

Reflexion

Das Setting stellt hohe Anforderungen an die Schüler:innen und an die Lehrpersonen. Der Aufwand war in der Vorbereitung hoch, er ist es auch bei der Durchführung und Bewertung. Nur: Gute Settings sind mit kleinem Aufwand nicht zu haben. Dieser Einwand kommt immer, er ist immer berechtigt und er ist trotzdem nur dann gültig, wenn sich der Aufwand nicht lohnt. (De-Implementierung ist die Antwort auf den Einwand – wir müssen andere Dinge loslassen, um die Kraft für die wichtigen Aufgaben zu haben.)

Unsere Lösung verbindet zwei grundsätzlich berechtigte Forderungen:

  1. Junge Menschen sollen auch ohne KI-Hilfsmittel schreiben und denken, insbesondere an Gymnasien.
  2. KI-Tools sollen in Schreibprozesse einbezogen werden können, weil das in vielen beruflichen Schreibprozessen zur Norm geworden ist.

Dadurch zeigt dieses Konzept, dass erstens ein Format ohne KI nicht mehr zeitgemäss ist, auch wenn es einfacher wäre und Lehrpersonen nicht zwingt, KI-generierte Schreibanteile von eigenständigen zu trennen.

Zweitens macht es deutlich, dass ein zu offenes Setting Schüler:innen dazu einlädt, viele wichtige Prozesse gar nicht mehr zu durchlaufen. Offene Maturprüfungen mit BYOD-Geräten führen zu KI-Maturaufsätzen, die keine Leistung dokumentieren.

Die Verbindung von Schreibarbeit ohne KI-Tools und einer mit scheint mir im Uetiker Modell gut gelungen. Denkbar wäre auch eine Umkehrung, wie sie Kyra Holzwarth ausgearbeitet hat: Die Schüler:innen bereiten die Schreibaufgabe mit KI vor, schreiben dann aber ohne KI zu einem spezifischen Thema, zu dem sie mit KI recherchieren konnten. So fehlt dann einfach die Entlastung, welche eine Korrektur und stilistische Optimierung durch die KI liefert, viele Schüler:innen würden dann fehlerhafte Texte abgeben. Das ist im Uetiker Modell nicht der Fall.

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