Wie ich mit einem Podcast Freundschaft schloss – und die Freundschaft zerbrach

Podcasts sind ein intimes Medium: Menschen sprechen über ganz persönliche Dinge, und nur wir hören sie – alle andere Menschen im öffentlichen Raum hören andere Podcasts oder Musik. Wir lachen über Witze, die wir nur verstehen, weil wir die Menschen kennen, die sie machen. Wir erfahren das, was sie lange Zeit nicht erzählt haben. Wir nehmen Anteil an den Veränderungen ihres Lebens.

Diese Intimität führt zu parasozialen Beziehungen. Das bedeutet, dass es sich so anfühlt, als entstünden über Podcasts Freundschaften, auch wenn diese Beziehung nur einseitig ist. Die Menschen, welche für uns sprechen, kennen uns gar nicht, sie nehmen keinen Anteil an unserem Leben, während wir so viel von ihnen erfahren. Ryan Broderick kennt mich nicht, er hat mich noch nie gesehen, weiss nicht einmal, dass es mich gibt. Ich weiss, dass sein Vater an Verschwörungstheorien glaubt, mit welchen psychischen Problemen er kämpft und welche Memes er am liebsten mag.

Ich beurteile das vorerst nicht – es passiert einfach. Im Folgenden möchte ich kurz erzählen, wie dieser Prozess sich bei mir auch aufgelöst hat.

Als ich begann, Podcasts zu hören, hörte ich eine Reihe von NBA-Podcasts. Nach zwei Hinweisen auf die Dan LeBatard Show begann ich den Podcast wohl im Frühling 2017 zu hören. Die Sendung war eine Mischung aus Sport und Comedy, mit enorm vielen Anspielungen auf frühere Sendungen und schrägen Clips mit Aussagen von Sport-Personen. Schnell hörte ich jeden Tag zwei bis drei Stunden von diesem Podcast, der von einer Gruppe von Menschen aus Miami gestaltet wurde. Ich lernte ihre Vorlieben und Lebensweisen kennen, begleitete sie bei ihrem Streit mit ihrem Arbeitgeber und dem Start in die Selbständigkeit. Mitglieder verliessen die Show, neue kamen hinzu. Immer wieder entstanden neue Formate und Segmente. Ich begann durch den Podcast wieder American Football zu schauen, entwickelte ein vertieftes Verständnis für Aspekte der Latino-Kultur in den USA, konnte einen neuen Blick auf politische Vorgänge einnehmen und nahm am Leben ganz vielfältiger Menschen teil.

Der Podcast begleitete mich durch eine depressive Phase und durch die Unsicherheiten der Covid-Krise. Ich war damit nicht allein, die Hosts erwähnten immer wieder, wie oft sie genau dieses Feedback sie von primär männlichen Hörern bekämen. Ich wusste, dass es auch an den dunkelsten Tagen etwas zum Lachen gab, und zwar in einer menschlichen Form, in einer liebevollen Form. Die LeBatard-Show lachte mit und für mich so, dass es sich respektvoll anfühlte und ein Gefühl der Zugehörigkeit entstand.

Wer sieben Jahre lang mehrere Stunden pro Tag Menschen zuhört, fühlt sich ihnen zugehörig – im Rückblick finde ich das nicht erstaunlich. Bemerkenswert ist für mich, wie diese Bindung sich auflöste. Ich bemerkte im Sommer 2024, dass ich immer öfter Folgen nicht mehr anhörte oder ausliess. Plötzlich verstand ich bestimmte Anspielungen nicht mehr, ich verpasste auch Segmente, die ich liebte, und hörte sie manchmal nach, manchmal nicht. Was war passiert? Die Show feierte ein Jubiläum, es gab sie 20 Jahre. Dafür produzierte sie eine Oral History, in der die wichtigsten Etappen nacherzählt wurde. Diese Serie brach plötzlich ab, ohne Erklärung. Zudem fehlte Stugotz, einer der wichtigsten Hosts, während Wochen. Die Show nahm das, wie üblich, mit Humor – es gab aber auch dafür keine klare Erklärung. Zudem wurde immer mehr Werbung eingespielt. Einerseits verständlich: In meiner ersten Hörphase war der Podcast quasi ein Nebenprodukt von Radio- und Fernsehsendungen war und entsprechend fast ohne Werbung auskam. Später musste er sich auch über Werbung finanzieren. Andererseits waren die fehlenden Erklärungen und die teilweise fast irren Werbespots ein verstoss gegen die Werte der Sendung, die sich immer gegen Unehrlichkeit und Bullshit-Gerede im Sport und in der Politik auflehnte. Plötzlich hatte ich den Eindruck, die Hosts würden einfach irgendwas erzählen, um nicht über das Wesentliche sprechen zu müssen, sie würden aus finanziellen Gründen Quatsch tolerieren, den sie persönlich und professionell niemandem durchgehen lassen würden (viele der Werbespots werden von den Hosts selber eingesprochen). Das war damit verbunden, dass der Star der Show, Dan LeBatard, immer mehr und immer schlechter sprach. Seine Monologe wiederholten dieselben Gedanken und sprachlichen Formeln, immer wieder sah er sportliche und politische Zusammenhänge offensichtlich falsch – und niemand traute sich, ihm das zu sagen.

Mein Gefühl nach vielen Folgen war, dass sich das eigentlich nicht gelohnt hatte. So löste sich die Freundschaft auf. In den letzten Wochen habe ich fast keine Sendungen mehr gehört, nur solche, auf die in den entsprechenden Reddit-Foren explizit hingewiesen wurden. Aber es entstand nie der Eindruck, ich müsste mehr hören. Zudem verliessen die für mich wichtigsten und interessantesten Stimmen die Show:

Parallel entdeckte ich andere Podcasts, besonders die Formate von Sarah Marshall, Michael Hobbes, Aubrey Gordon, Peter Shamshiri und Matt Bernstein sprachen mich mehr an. Sie sind genau so humorvoll, aber politisch konsequenter, direkter und informativer. Diese Podcaster:innen telefonieren nicht mit ihren Partner:innen während der Show und lassen vieles in ihrem Privatleben in den Gesprächen aussen vor. Dafür recherchieren sie mehr und tragen auch mal einen Zusammenhang vor, der nicht allen bekannt ist. Für mich sind das anregende, interessante Stimme, aber keine Freund:innen. Sie trösten mich weniger, aber sie unterhalten und informieren mich gleich gut wie ein Podcast von parasozialen «Freund:innen».

Zum Schluss noch etwas Bewertung: Die Vorstellung, es gäbe echtere oder bessere Freundschaften, Beziehungen, Persönlichkeiten – die halte ich nicht für sehr belastbar. Wir spielen Rollen, wir verstecken Teile von uns, wir sind von Persönlichkeiten fasziniert, die uns etwas vorspielen. So passiert es auch, dass wir die Menschen hinter Podcasts oder Streams in unser Leben lassen, dass wir mit ihnen Dinge verbinden, die wir als Kinder mit Menschen verbunden haben. Aber auch da haben wir uns vorgestellt, unsere Lehrerin sei eine Art Freundin, wir haben das Liebesleben von Pop- oder Fussballstars so wahrgenommen, als ginge es uns etwas an. Parasoziale Beziehungen sind nichts Verwerfliches, wir müssen uns dafür nicht schämen. Selbstverständlich ersetzen sie keine Freundschaften, keine Gemeinschaft mit echten Menschen. Aber sie können uns trösten und tragen, sie können uns eine Konstanz geben, die sonst vielleicht fehlt. Dafür bin ich dem LeBatard-Teams dankbar. Und ich bin etwas traurig, dass die Show mich nicht mehr so anspricht, wie das früher der Fall war.

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