Wie mein Vertrauen in meinen Unterricht erschüttert wurde

Diesen Beitrag könnte ich auch in mein Tagebuch schreiben, er ist persönlich. Viele Menschen teilen so etwas nicht mit anderen. Ich mache das öffentlich, weil ich erstens auch gern darüber rede und es zweitens wichtig finde, dass solche Aspekte meines Berufes thematisiert werden und nicht unter Tabus verschwinden.

Unsicherheiten gehören zum Lehrberuf. Das habe ich vor über 10 Jahren nach einer Diskussion mit einer Praktikantin hier schon einmal thematisiert. Gleichzeitig erwirbt man mit der Erfahrung Strategien, um Momente der Unsicherheit zu bewältigen und um Unterricht mit Selbstvertrauen zu gestalten. Grundsätzlich halte ich wenig davon, Schüler:innen die Schuld an misslungenen Lektionen zu geben, aber das ist halt auch eine Strategie, die Lehrpersonen in schwierigen Momenten schützen kann (und gewisse Klassen sind in bestimmten Momenten so anstrengend, dass auch die beste Lehrperson mit ihnen an diesem Freitagnachmittag keine Lernschritte bewältigen kann).

Ich liebe es, Unterricht vorzubereiten, Ideen zu entwickeln und sie mit Klassen zu erproben. Ständig fallen mir neue Unterrichtsreihen ein, ich beziehe technische Möglichkeiten, aktuelle sprachwissenschaftliche und literarische Diskussionen in meinen Unterricht ein, probiere neue Unterrichtssettings aus. Ich halte mich für innovativ, begeisterungsfähig; ich höre Schüler:innen zu und interessiere mich für ihre Perspektive auf meinen Unterricht, den ich kontinuierlich entwickle und zu verbessern versuche. Kurz: Ich halte mich eigentlich für einen guten Lehrer. Nicht jeden Tag, aber im Rückblick auf die letzten Monate durchaus.

Im letzten Semester habe ich mich auf eine Stelle beworben. Im Rahmen des Verfahrens wurde ich im Unterricht besucht, von vier Fachpersonen, die für die Wahl der Lehrperson verantwortlich sind. Ich habe mich in einer ohnehin belasteten Lebensphase angestrengt und versucht, zu zeigen, wie guter Unterricht für mich aussieht. Ich habe die fünf Lektionen, in denen ich besucht wurde, während Tagen vorbereitet und überarbeitet.

Die Besuche haben mir den Boden unter den Füssen weggezogen. Mir war überhaupt nicht klar, was die Fachpersonen von mir erwartet hatten. Sie haben alles mit neutraler Mine zur Kenntnis genommen und mir keine Rückmeldung gegeben. Ich habe die Stelle nicht erhalten. Die Absage erfolgte mit dem Hinweis, ich wüsste wohl selber, wo die Probleme liegen würden. Darüber hinaus kein Feedback, keine Begründung – auch auf wiederholte Nachfrage nicht.

Seither bin ich im Kopf die Lektionen x-mal durchgegangen. Mein Gefühl, trotz einigermassen herausfordernden Klassen anregenden, abwechslungsreichen, aktuellen Unterricht gestaltet zu haben, verschwand. Es blieb ein Nebel an Unsicherheit, der alles überdeckte.

Gestern habe ich in den Fachdidaktik-Modulen von meinem Unterricht erzählt, was ich geplant hatte und wie ich die Durchführung erlebt und evaluiert hatte. Und plötzlich schien die Sonne in den Nebel, ich hatte das Gefühl, das seien gute Lektionenreihen gewesen, die gestaltet hatte. Natürlich zog der Nebel schnell wieder vor die Sonne und meine innere Unsicherheit redete mir ein, dass ich die Stelle sicher bekommen hätte, wenn das so gewesen wäre.

Nun hoffe ich, durch die weitere Arbeit verflüchtigt sich der Nebel immer mal wieder und ich finde zum Gefühl zurück, grundsätzlich ganz guten Unterricht zu machen. Ein aktuelles Beispiel findet ihr hier:

Mit einer 9./10. Klasse bin ich übers Thema «Fragen» in den Deutschunterricht eingestiegen. Grammatik, Literatur, KI-Reflexion etc. alles mit drin. Unterlagen findet ihr bei Interesse hier: craft.phwa.ch/deutsch_3d

Philippe Wampfler (@phwa.ch) 2025-09-22T12:53:50.857Z

6 Kommentare

  1. Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

    Danke für das öffentliche Schreiben über deine Verunsicherung. Das finde ich sehr wertvoll und weiterbringend und es ermutigt mich, solch einen offen Umgang mit Verunsicherung auch selbst anzustreben.

  2. Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

    Hi,

    hatten deine Fachdidaktik-Studierende eine Idee, wo der Haken gehängt haben mochte? Ich finde, bei so vielen Besucher:innen kein konstruktives Feedback zu bekommen, ist in unserem Beruf eine verpasste Chance ihrerseits und sagt dir schon was du über die Stelle zu wissen brauchst.

    LG

  3. Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

    Hi!
    Eine Absage nicht zu begründen, ist aus meiner Sicht nicht zu rechtfertigen. Das auf diese Art und Weise zu tun, geht gar nicht, ist unhöflich und extrem unprofessionell. Ich würde mich bei den Vorgesetzten diese Gruppe beschweren und auf einer qualifizierten Begründung bestehen.
    VG Dirk

  4. Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

    Lieber Philippe, das Erlebnis finde ich krass, weil es kein Feedback gab. Bist du denn sicher, dass die vermeintliche Qualität eigentlich das tatsächliche Kriterium war? Und was ist „guter Unterricht“ – wurde das vor dem Auswahlverfahren definiert? Es ist ja zudem leider nicht immer so, dass Aufträge / Jobs nach den Kriterien vergeben werden, die nach außen kommuniziert werden. Ich habe das einmal bei einer Ausschreibung lernen müssen. Damals war der potenzielle Auftraggeber so offen oder auch unbekümmert, es ganz deutlich zu sagen. Die ausgeschriebenen Kriterien waren nicht die, die die entscheidenden waren, sondern reine Prosa. Es gibt also viele undurchsichtige Varianten bei so einer Entscheidung. Den eigenen Unterricht immer wieder zu hinterfragen, finde ich gut und hilfreich, für die SuS und für die Lehrkräfte auch. Aber wenn es möglich ist, würde ich versuchen, einer Auswahlkommission, die ihre Kriterien nicht offenbart und kein Feedback gibt, nicht zu viel Gewicht zu geben.

    1. Ja, du hast sicher Recht. Ich habe auch schon mal eine Absage erhalten, in der klar gesagt wurde: Deine bildungspolitischen Vorstellungen wollen wir an der Schule nicht haben. Das finde ich grundsätzlich okay, aber es ist eine Ausnahme, das so offen zu kommunizieren.

      1. Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

        ja, deren verhalten spricht bände.

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