Thilo Mischke ist ein Journalist, der eine wichtige Sendung hätte moderieren sollen. Die Ankündigung seiner Anstellung führte zu Kritik, insbesondere deshalb, weil Mischke sich in Publikationen und öffentlichen Gesprächen sexistisch geäußert hatte und diese Äußerungen nie seriös reflektiert hatte. Eine genaue Aufarbeitung der Kritik finden interessierte im unten verlinkten Podcast bzw. in der dazugehörenden Dokumentation.
Ich möchte in diesem Beitrag den Fall nicht aufrollen, sondern einen Aspekt beleuchten, der mich seit dem Aufkommen von Social Media irritiert. Was auch immer Menschen im Netz über andere Menschen, Themen oder Institutionen schreiben – es kann ins Produktive gedreht werden, wenn es als Debatte angenommen wird. Viele der Blogposts auf dieser Seite sind entstanden, nachdem Mitlesende Kritik an dem geübt haben, was ich hier geschrieben habe. Vieles, was ich im Netz schreibe, löst negative Reaktionen aus; teilweise auch unsachliche, fiese. Was mich weiterbringt – und meiner Meinung auch andere weiterbringen würde – ist eine Reduktion auf den sachlichen Kern: Was stört andere genau? Wie lassen sich die Differenzen erklären? Was übersehe ich?
Wer diesen produktiven Kniff nicht verwendet, ist oft verletzt und beklagt die Debatten-Kultur im Netz. Die Rede von «Shitstorms» oder radikalisierten Bewegungen, von Trollen oder dem fehlenden Augenkontakt oder der Längenbeschränkungen sind alles Wege, um vom eigentlichen Kern abzulenken.
Die ausgebildeten Journalist:innen beim ARD machen in ihrer Reaktion auf die Kritik an der Anstellung von Mischke genau das. Sie sprechen von einem «Rufschaden» und einer «heftigen Diskussion», die «relevante Themen» «überschatte». Das ist sehr schade: Gerade die Redaktion von TTT hätte erkennen können, dass die Diskussion ein relevantes Thema ist, das sie ganz leicht hätte ins Produktive wenden können. Das gilt auch für Mischke: Dass er nicht sofort verzichtet hat, lässt sich für mich nicht erklären, noch weniger aber verstehe ich, weshalb er die Vorwürfe nicht als sachliche Kritik aufgenommen und darauf geantwortet hat.
Ich meine nicht, dass Mischke auf einer großen Bühne ein Streitgespräch mit Kritiker:innen inszenieren sollte. Es geht nicht um Schaukämpfe, sondern darum, das ernst zu nehmen, was andere einwenden, und darauf seriös zu antworten. Wenn das sexistische Buch fiktiv ist – warum hat Mischke es dann in Podcasts und anderen Sendungen als nicht-fiktiv ausgegeben? Wenn Mischke einsieht, dass das Buch und die darin geschilderten Vorgänge problematisch und übergriffig sind – was hat er getan und was tut er, um das in Ordnung zu bringen?
Das wäre alles nicht so schwierig. Letztlich irritiert mich, wie viele Menschen bereit sind, anderen die Schuld für eine schlechte Debattenkultur zuzuschreiben, statt selber online konstruktive Diskussionen zu führen. Das geht, so meine Erfahrung, auf jeder Plattform, in jedem Format. Wer bereit ist, anderen zuzuhören und andere Sichtweisen anzunehmen, findet Wege, darauf so zu antworten, dass Lerneffekte entstehen können.
