Wie Noten subjektive Eindrücke »objektivieren« – und weshalb das ein Problem ist

Denken wir im Alltag über Kompetenz nach, dann schätzen wir sie aufgrund unserer Wahrnehmung ein. Wir werden zum Essen eingeladen und beurteilen danach, wie gut der Gastgeber kochen kann: Aufgrund einer Mahlzeit. Wir sehen ein Fußballspiel und beobachten, wie die eingewechselte Außenverteidigerin einen Ball verfehlt und fällen ein Urteil über ihre Fähigkeit, Fußball spielen.

Unsere Eindrücke sind subjektiv, sie sind selektiv, sie sind ungenau. Das ist nicht weiter schlimm, weil unsere Meinung, ob jemand gut kochen oder Fußball spielen kann, weitgehend belanglos ist.

Auch in der Schule basieren Bewertungen auf Wahrnehmungen, die denselben Verzerrungen unterliegen: Wir lesen einen Aufsatz, der etwas ins uns anspricht oder uns nervt. Wir schätzen die mündliche Mitarbeit eines Schülers ein, der freundlich, konstruktiv und dessen Hand immer oben ist. Wir korrigieren die Lösungen von unter Zeitdruck gelöster Mathematikaufgaben und versuchen, die dahinterliegenden Überlegungen zu rekonstruieren.

Da die Eindrücke subjektiv sind, die Bewertung aber so erscheinen sollte, als wäre sie nicht subjektiv, gibt es eine Reihe von Tricks: Kriterienraster, Punkteskalen und Noten sind Methoden der »Objektivierung«, wie das Studierende in einem meiner Seminare kürzlich genannt haben.

»I give the teddy bear two and a half stars.« So endet jede Folge von John Greens Anthropocene Reviewed Podcast, aus dem er kürzlich ein Buch gemacht hat. Green verwendet eine 5-Stern-Skala ironisch:

The five-star scale doesn’t really exist for humans; it exists for data aggregation systems, which is why it did not become standard until the internet era.

The Anthropocene Reviewed, Introduction

Er verweist darauf – das ein Leitmotiv seines Projekts – auf den Widerspruch zwischen dem menschlichen Bedürfnis, alles zu bewerten, und der Unmöglichkeit, das objektiv zu tun. Was Green über den Teddybär sagt oder schreibt, hat nichts mit 2.5 Sternen zu tun, es ist keine Bewertung in diesem engen, verrechenbaren Sinn. Der Velociraptor oder die Klimaanlage, die von ihm 3 Sterne erhalten, sind nicht »besser« als der Teddybär.

Die ironische Bewertung von Green macht deutlich, wie absurd der Vorgang der »Objektivierung« in Schulen ist. Als Lehrer nehme ich etwas wahr, was Schüler*innen tun. Ich kann ihnen eine Rückmeldung auf eine Leistung geben, einen Hinweis, wie sie sich entwickeln könnten, ich kann sie korrigieren. Sobald ich aber vorgebe, ich könnte auf einer Skala messen, wie gut ihre Leistung ist, wird das Verfahren absurd. Warum eigentlich?

  1. Weil wir nichts messen, sondern mehr oder weniger willkürlich zuerst Punkte und dann Noten geben.
  2. Weil wir die Punkte und Noten so geben, dass eine Art Normalverteilung rauskommt, obwohl niemand genau weiß, weshalb Noten normalverteilt sein sollten.
  3. Weil es keine objektive Datengrundlage gibt, sondern nur subjektive Eindrücke, die dann so dargestellt werden, als seien sie nicht subjektiv.
  4. Weil Noten soziale Vergleiche, individuelle Entwicklungen und kriteriale Normen auf eine Weise vermischen, die ihnen jede Aussagekraft nimmt.

Subjektive Rückmeldungen wären ehrlicher und wirksamer. Noten sollten durch Gespräche über Leistungen und Feedback ersetzt werden. So steht das auch in unserem Buch, das bald erscheint.

Die Vorstellung, mündliche Mitarbeit oder kreative Leistungen könnten schlechter benotet werden als die Bearbeitung von Geografie- oder Physik-Aufgaben, hängt nur mit Techniken der Objektivierung zusammen: Da Geografie und Physik mit klassischen Aufgaben geprüft wird, gilt es als akzeptiert, dass diese Aufgaben Kompetenz messen könnten. Das ist nicht der Fall: Die Aufgaben sind ja wiederum willkürlich, sie prüfen kontextbezogen Teilkompetenzen, die aufgrund von dem, was in einer Prüfungssituation aufgeschrieben wird, beurteilt werden. Eine Prüfung schreiben, sie zu korrigieren und dann eine Note zu setzen ist genauso subjektiv, wie eine Zeichnung mit einer Note zu bewerten. Es wirkt nur anders.

2 Kommentare

  1. Toller Bericht. Mich stört etwas die Verallgemeinerung. Wer ist ‚wir‘ in dem Artikel? Ich kenne aktuell keine Lehrpersonen, welche eine Normalverteilung bei der Benotung oder Bewertung bemüht…
    Die Frage ist, welcher wir uns als Gesellschaft stellen müssen ist, wie ‚qualifizieren‘ wir ohne Noten/Wertung?
    Wie wollen wir Vergleiche anstellen? Wie wollen wir Erfolg aber auch Misserfolg erkenn- und sichtbar machen?

    Ich bin sehr gespannt auf das Buch.

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