Die Phase der postdigitalen Schulentwicklung

Die Auseinandersetzung mit Digitalität an Schulen hat bereits eine längere Geschichte. Aktiv habe ich bislang drei Phasen begleitet und wahrgenommen – nun findet der Übergang in eine vierte statt:

  1. Jugendliche nutzen Social Media, was müssen wir als Schulen dazu wissen und wie müssen wir uns dazu verhalten?
  2. Wie können Schulen Web-2.0-Tools im Unterricht einsetzen?
  3. BYOD oder 1:1-Ausstattung: Was ist ein guter Umgang mit den Geräten, die jetzt verfügbar sind?
  4. Postdigitale Schulentwicklung.

Die Ausführungen, die kommen, betreffen insbesondere Schweizer Schulen. In Deutschland laufen noch sehr intensive Diskussionen zu 2. und 3., die Entwicklung läuft aus meiner Sicht etwas verzögert, weil die Infrastruktur und die Ausstattung von Schulen vielerorts noch nicht ausreicht, um Phase 3 abzuschließen.

Woran mache ich fest, dass eine neue Phase eingetreten ist? Viele Schulen widmen sich bewusst pädagogischen und didaktischen Fragen, kümmern sich intensiver ums Lernen von Schüler*innen und interessieren sich in Weiterbildungen weniger für konkrete digitale Arbeitsformen.

Was bedeutet postdigitale Schulentwicklung?

Beat Döbeli Honegger hat kürzlich in einem Artikel ($) Thesen diskutiert, wie sich der Einsatz von Computern und der Wandel der Lernkultur an Schulen zueinander verhalten.

Die Katalysator-These würde etwa besagen, dass sich Technologie- und Lernkulturwandel gegenseitig unterstützen.

Postdigitale Schulentwicklung bedeutet aus meiner Sicht, dass Technologiewandel der Hintergrund eines Lernkulturwandels darstellt, aber nicht im Fokus steht. Das würde ich so abbilden: Die Energie wird in die Lernkultur gesteckt, wobei selbstverständlich ist, dass Technologie sich wandelt und insbesondere digitale Technologie zur Verfügung steht (in der Regel in Form einer guten BYOD- oder 1:1-Ausstattung).

Fragen, die bei Schulen dann im Mittelpunkt stehen, sind Folgende:

  1. Wie muss Unterricht und Schule gestaltet sein, damit er Schüler*innen sinnvoll erscheint und zu Erlebnissen und Erfahrungen führt, die sie sonst nicht machen könnten?
  2. Welche Kompetenzen brauchen Schüler*innen, um gesellschaftliche und berufliche Aufgaben wahrnehmen zu können?
  3. Wie gelingt ein Fokus auf echte Lernprozesse?
  4. Wie sieht eine schulische Gemeinschaft auf, die verantwortungsvoll, solidarisch und nachhaltig miteinander lernen kann?
  5. Wie kann eine Schule unterschiedlichen Perspektiven, Interessen und Bedürfnissen von Lernenden und Lehrenden gerecht werden?
  6. Welche Rollenbilder gibt es in einer zeitgemäßen Schule? Was können und sollen Lehrpersonen leisten, wie agieren sie professionell und empathisch?

Diese Fragen können als Arbeit an der Lernkultur einer Schule auf den Punkt gebracht werden.

Wozu der Begriff »postdigital«?

Einige der hier entwickelten Gedankengänge habe ich am Dienstag in Aarau vorgetragen (Achtung: Dialekt!).

Dabei wurde mir die Frage gestellt, ob »Postdigital« nicht einfach nur ein Begriff sei, um zu provozieren, weil er ja schwer zu verstehen und mit »post« irgendwie abschließend gesetzt sei.

Der Begriff stammt nicht von mir, er ist in der wissenschaftlichen Diskussion etabliert. Ich sehe in seiner Nutzung einen wesentlich Vorteil:

Wer gegenüber einer Computerifizierung von Schule Skepsis äußern will, gerät schnell in eine Gruppe mit den Menschen, die sie aus kulturpessimistischen rückgängig machen möchte. Postdigitalität erlaubt hier eine Differenzierung: Der Einsatz digitaler Technologie ist kein Selbstzweck. Er bringt nicht automatisch die richtigen pädagogischen Haltungen mit sich, sondern droht, Schulen mit Überwachung und behavioristischen Lernmethoden zu überziehen, die zu Problemen führen. Toolifizierung dominiert Weiterbildungen und Schulentwicklung. Das sind wichtige Aspekte, die aber doch nicht zu einer Ablehnung der Nutzung von ICT führen dürfen.

Ich bin also nicht gegen digitale Medien, aber auch nicht dafür, sie unreflektiert einzusetzen. Postdigitalität drückt genau das aus: Lass uns die wichtigen Fragen besprechen und nicht zu viel Energie in den Einsatz der Geräte stecken.

Unprofessionelle Pioniere, unsichere Lehrkräfte

In einer dänischen Studie, die sich der Frage widmet, wie wirksam die Nutzung von ICT überhaupt ist, fand ich kürzlich folgendes Zitat:

The ‚firesouls‘ are unprofessional and the teachers are insecure. 

Balslev / Riis, 2021 (S. 145)

Das Zitat bezieht sich auf ein hektisches Experimentieren mit den digitalen Möglichkeiten durch Pioniere (auch ich habe das zu oft so gemacht) und eine dadurch resultierende Verunsicherung der anderen Lehrkräfte, die das nicht wollen, nicht können oder sich verpflichtet sehen, Widerstand zu leisten.

Die Basis einer wirksamen Schule ist eine Lernkultur, die breit abgestützt ist. Bemühungen, Schulen digitaler zu machen, führen oft dazu, dass diese Lernkultur geschwächt wird, weil unglaublich viele Ressourcen in eine Transformation gesteckt werden, die zu technisch aufgefasst wird.

Postdigitale Schulentwicklung schafft eine andere Orientierung: Die Kultur und das Lernen stehen im Mittelpunkt. Digitale Medien hingegen sind selbstverständlich.

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