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Prüfungen verzerren Fachwissen (und vieles mehr)

Mit Adriane zusammen durfte ich diese Woche beim Edu-Talk über Prüfungskultur und alternative Prüfungsformate sprechen. Dabei ist für mich ein Gedanke sehr klar geworden, den ich hier kurz festhalten möchte:

Nehmen wir an, Unterricht und Schule dienen dazu:

  1. Kompetenzaufbau bei Schüler*innen zu ermöglichen
  2. sicherzustellen, dass Schüler*innen über relevantes Grund- und Fachwissen verfügen (lesenswert dazu: dieser Text)
  3. die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen so zu gestalten, dass sie verantwortungsbewusste, mündige Bürger*innen werden (können).

Diese Ziele – hier radikal verknappt – werden nun durch ein Anreizsystem überlagert. Prüfungen und Noten legen fest, welche Kompetenzen, welches Fachwissen und welche Werte an Schulen relevant sind.

Ein Klassiker ist die Fähigkeit, mit anderen zusammenzuarbeiten (1.) und sich dabei kooperativ zu verhalten (3.): Diese Fähigkeit hat in klassischen Prüfungen keinen Wert.

Warum eigentlich nicht? Weil die Prüfungsmodalität und die dahinterstehenden Grundannahmen auf isolierte Einzelarbeit ausgerichtet sind, in der Zusammenarbeit weder vorgesehen noch gewichtet wird.

Prüfungen verzerren also Kompetenzen und Werte. Sie nudgen Schüler*innen und erzwingen eine Verhaltensänderung, die darauf abzielt, im entscheidenden Moment das gut zu können, was mit Punkten belohnt wird.

Frage ich meine Klassen, ob sie lieber was Interessantes lernen oder eine gute Note haben würden, dann möchte weniger als ein Viertel etwas lernen. Egal was ich von Schüler*innen verlangen, sie machen es, wenn ich es bewerte.

Was nun noch etwas absurder ist: Zentralisierte, standardisierte Prüfungen beeinflussen auch Fachwissen. Sie führen zu Kanonisierungen und Selektionen, die nicht mehr dem aktuellen Stand. Ein Beispiel ist etwa das Textsortenwissen, das im Deutschunterricht an vielen Schulen vermittelt und dann an standardisierten Prüfungen abgefragt wird. Ein anderes Beispiel sind Textaufgaben, welche einfache, formelhafte Rechenaufgabe sprachlich noch einmal codieren, ohne auch nur im Ansatz zu mathematischem Denken einzuladen.

Kurz: Klassische Prüfungen fucken alles ab. (Das ist eine Anlehnung an Hazel Brugger.)

Prüfungen verzerren Kompetenzen, Werte und Fachwissen.

Wie ginge es besser? Ich nehme zwei Beispiele, wiederum Deutsch und Mathe:

Vor Menschen klar, ruhig und überzeugend sprechen: Das ist eine relevante Kompetenz, die so oder ähnlich in vielen Lehrplänen auftaucht. Wie kann diese Kompetenz entwickelt und bewertet werden? Grundsätzlich braucht es vielfältige Übungsgelegenheiten, Tipps, Möglichkeiten zur Reflexion und Feedback. Noten braucht es nicht: Wer überzeugend und ruhig sprechen kann, weiß das in der Regel. Man merkt das. Als müssten im Unterricht Angebote geschaffen werden, mit denen man das üben kann. Vielleicht mal in eine Clubhouse-Session gehen und dort was sagen? Vielleicht einen kurzen Vortrag halten? Und dann immer wieder daran feilen, sich Techniken aneignen: Bis es gut geht.

Beispiel 1: Deutsch

Das Fahrstuhl-Problem sagt: Befinden sich 6 Personen in einem Fahrstuhl, dann gibt es eine Dreiergruppe, in der sich alle Personen entweder kennen – oder nicht kennen. [‚Kennen‘ ist eine symmetrische Relation, wenn Claudia Dragan kennt, kennt Dragan auch Claudia.]
Die Aufgabe lautet nun: Wie kann man einfach erklären, dass die Aussage zum Fahrstuhl-Problem stimmt?
Wer sich damit auseinandersetzt, wird merken, ob er oder sie das Problem gut versteht und es so lösen kann, dass es sich in eine einfache Darstellung bringen lässt. Dabei können verschiedene Lernprodukte entstehen: Skizzen, Erklärgespräche, Reflexionen, unvollständige Darstellungen. Alle haben einen Wert für den Lernprozess, alle führen zu mathematischem Denken. Sie sind aber keine Lösung einer Prüfungsaufgabe.

Beispiel 2: Mathematik

Adriane und ich haben folgende Übersicht zur Prüfungskultur gemacht. Viele Prüfungen bilden Kreise in diesen vier Quadranten. Was wir uns wünschen, sind Prüfungen, die sich ausschließlich im 3. Quadranten befinden.