Weg vom Stoff

Denkt man über Unterrichts- und Schulentwicklung nach, gibt es eine einfache Skala, die zwischen den Polen »Stoffvermittlung« und »Lernzentrierung« verläuft.

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Die linke Seite zeigt das Modell Stoffvermittlung: Nicht nur, aber besonders gut erkennbar in schlechter Mathematikdidaktik geht Unterricht in diesem Modell von der Vorstellung aus, es gebe Konzepte, Begriffe, Zusammenhänge, Regeln und Verfahren, die den Stoff ausmachen. Die Aufgabe einer Lehrerin oder eines Lehrers besteht nun darin, diesen Stoff zu vermitteln: Die Schülerinnen und Schüler sollen ihn verstehen. Das lässt sich dann prüfen. Eine gute Schulstunde ist in diesem Modell eine, bei der relevanter Stoff durchgenommen und von der Klasse verstanden wurde.

Was dabei vergessen geht: Dieser scheinbar objektiv gegebene Stoff ist Resultat einer Perspektive und einer Selektion. Es ist ein spezifischer Blick auf einen kleinen Teil dessen, was Mathematik oder Deutsch oder Erdkunde ist. Das wird dann deutlich, wenn Lehrkräfte nach einem Fachstudium in den Beruf wechseln und merken, dass sie im Studium viel gelernt haben, was in der Schule gar keine Bedeutung hat.

Damit kommen wir zur rechten Seite: Sie geht von den Lernenden aus. Die Aufgabe der Lehrkraft besteht darin, eine Umgebung zu schaffen, in der sich Lernprozesse entfalten können. Dazu gehört auch Material, Orientierung: Aber die Schülerinnen und Schüler entscheiden mit. Sie sind an Auswahl und Perspektive beteiligt. Eine gute Schulstunde in diesem Modell ist eine, in der die Schülerinnen und Schüler aktiv gelernt haben.

Die Unterrichtsrealität befindet sich oft irgendwo dazwischen. Lehrerinnen und Lehrer müssen Stoff vermitteln, begleiten und aktivieren aber auch eigenständige Lernprozesse. Der nicht ganz unproblematische Umgang mit der Kompetenzorientierung ist ein Symptom dieser Zwischenposition: Die Kritik an der Kompetenzvorstellung, die behauptet, Wissen sei eine zentrale Grundlage von Kompetenzen, hält an der Stoffvermittlung fest.

Wenn wir nun darüber nachdenken, wie sich Schule in der Digitalen Transformation verändert, dann würde ich dafür plädieren, den Schieber möglichst weit nach rechts zu rücken.

Veröffentlicht von Philippe Wampfler

philippe-wampfler.ch

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