Präsenz- und Fernunterricht kombinieren

Nach einer Phase des reinen Fernunterrichts sind Schulen nun eine Übergangsphase eingetreten. Während in der Schweiz zumindest an obligatorischen Schulen in vielen Kantonen ein Vollbetrieb aufgenommen worden ist, sind die Gymnasien und viele Schulen in Deutschland noch nicht oder nur teilweise geöffnet worden. Das hängt auch damit zusammen, dass sich in der Schweiz die Hypothese durchgesetzt hat, wonach jüngere Kinder kaum ansteckend sind – ältere jedoch Covid-19 ähnlich wie Erwachsene verbreiten.

Absehbar ist mittlerweile, dass viele Schulen auch nach den Sommerferien Mischungen aus Präsenz- und Fernunterricht anbieten werden. Nimmt man die Distanzvorgaben ernst, dann müssen große Klassen dafür gedrittelt werden: In einem regulären Schulzimmer können sich rund 10 Personen aufhalten, wenn sich die Schüler*innen nicht zu nahe kommen sollen.

Das bedeutet, dass aus einer Klasse drei Lerngruppen entstehen, die sich jeweils in drei Zeitslots abwechseln müssen. (An einigen Schulen können das auch zwei Hälften mit zwei Slots sein.)

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Lerngruppen, Zeitslots und Module (Präsenzphasen rot umrandet) CC BY 4.0

Wie findet nun Unterricht unter den Voraussetzungen statt, dass jeweils nur eine Gruppe ein Modul im Präsenzunterricht absolvieren kann?

Variante 1: Identische Präsenzmodule

Nehmen wir an, im Präsenzunterricht soll eine Aktivität ablaufen, die nur im Schulzimmer stattfinden kann (ein Planspiel, eine Diskussionsrunde, ein Experiment vorführen etc.).

Dann bietet es sich an, dieses Modul allen drei Lerngruppen in identischer Form anzubieten. Die Konsequenz daraus ist, dass die anderen beiden Module jeweils:

  • im Fernunterricht betreut werden
  • lernlogisch vom Präsenzmodul gelöst werden
  • stark selbstorientiert absolviert werden können.

Hat eine Lehrerin oder ein Lehrer etwas weniger zu tun, weil der Präsenzunterricht nur einmal vorbereitet werden muss, so braucht auch die Vorbereitung des Fernunterrichts viel Aufwand, so dass für die Betreuung der beiden Gruppen im Fernunterricht kaum Zeit bleibt. Hier zeigt sich, dass die Belastung der Lehrkräfte in entscheidender Punkt in der Planung sein dürfte.

Variante 2: Identische Module pro Zeitslot

Eine zweite Grundidee besteht darin, eine Lerneinheit in drei Teile zu gliedern, die aufeinander aufbauen (z.B. drei Kapitel eines Romans zu diskutieren, ein Sachthema in drei Stufen zu vertiefen, Vokabular in drei Phasen zu lernen und den Wortschatz zu erweitern).

Das führt zu einem Aufbau, bei dem ein Modul sowohl im Präsenzunterricht als auch im Fernunterricht absolviert werden kann. Im Präsenzunterricht kann mündlicher Austausch eine größere Rolle spielen, im Fernunterricht hingegen sollten wohl schriftliche Übungen mehr Gewicht haben.

Für die Lehrperson bedeutet das, dass sie die drei Module quasi doppelt vorbereiten muss, eine Entlastung entfällt hier.

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Identische Module pro Zeitslot CC BY 4.0

Variante 3: Bezüge zwischen Fern- und Distanzunterricht

Aus Variante 2 kann man auch die Möglichkeit ableiten, dass der Fernunterricht und der Präsenzunterricht dialogisch in einem Austausch stehen. Also etwa so:

  1. Im Fernunterricht erarbeiten die beiden Lerngruppen ein Lernprodukt, etwa ein Padlet, in dem Fragen formuliert, Thesen festgehalten oder Rechercheergebnisse gesammelt werden.
  2. Der Präsenzunterricht diskutiert dann dieses Lernprodukte und arbeitet damit weiter.
  3. Evtl. ergeben sich für den Fernunterricht daraus weitere Aufgaben.

Eine besondere Variante davon ist die digital unterstützte Fishbowl: Dabei nehmen auch die beiden Lerngruppen, die nicht im Schulhaus sind, am Präsenzunterricht teil, indem sie mit mehreren Kameras in einer Videokonferenz mitbekommen, was im Schulzimmer läuft. Sie haben dabei aber andere Aufgaben: Sie stellen vielleicht Fragen oder beobachten Dinge und halten sie in einem Protokoll fest.

Bildschirmfoto 2020-05-16 um 11.16.50
Fishbowl CC BY 4.0

Diese Varianten benötigen eine, aber sehr komplexe Vorbereitung und Durchführung durch die Lehrkraft.

Variante 4: Flipped Classroom

Flipped Classroom besteht aus zwei Ideen:

  1. Instruktion/Theorie/Stoff erarbeiten die Schüler*innen individuell, asynchron und nicht im Präsenzunterricht.
  2. Der Präsenzunterricht wird für Übungen, Diskussionen, Reflexion verwendet.

Das ist auch in diesem Hybrid-Setting möglich, bedingt aber (pinke Kreise), dass auch die nicht anwesenden Lerngruppen Gelegenheit für eine Präsenzphase (etwa in einer Videokonferenz) erhalten.

Bildschirmfoto 2020-05-16 um 11.17.00
Flipped Classroom CC BY 4.0

Variante 5: Dialogisches Lernen

Dialogisches Lernen.005

Ich habe diese Variante in einem eigenen Blogpost ausgearbeitet und dokumentiert und verweise hier einfach darauf.

Weitere Varianten

Ich habe Feedback auf meinen Text erhalten und liste hier die Ideen auf, die anderen geteilt haben. Danke sehr!

Philip Stade hat seine Ideen und einen Austausch mit anderen Personen ausführlich dokumentiert: https://hackmd.io/@TywpsBk_RzC91TPHEu25JQ/rJi5F7FoL

Nadja Badr ist eine Kollegin von mir an der Uni Zürich. Sie schreibt:

Peer-to-peer-learning

z.B. 4erGruppen bereiten während ca. 2 Lektionen ein Unterrichtsthema vor (in Pädagogik/Psychologie: Einführung in Grundbegriffe und -Modelle wie A) Wahrnehmung, B) Emotion, C) Motivation und D) Kognition) und erstellen gemeinsam ein Gruppenarbeitstool (z.B. Padlet oder Miro) vor, auf dem sie Begriffsdefinitionen posten, Erklärvideos zur Verfügung stellen, Modelle zur Diskussion vorlegen und Fallbeispiele zur interaktiven Bearbeitung hinterlegen. Zudem bereiten sie gemeinsam eine (Doppellektion) vor (dabei erhalten sie Unterstützung von mir, präsent und/oder digital). Dann folgen diese Lektionen, die jeweils von einer/einem Experte*in angeleitet werden. Diese Lektionen können problemlos digital, z.B. in Teams (Zimmer) oder Zoom (Breakoutrooms) durchgeführt werden. Zudem habe ich als Lehrerin die Möglichkeit, einzuführen, zusätzliche Übungen anzubieten und den Schluss zu moderieren und selbstverständlich die diverse Lerngruppen zu besuchen. Abgerundet wird die diese Reihe mit einer Prüfung, zu der jede Gruppe vorbereitend drei Fragen beisteuert. Gelingensbedingungen: Vertrauen, dass die SuS mitmachen und Verantwortung übernehmen und klare Angaben zu den einzelnen Teilschritten sowie Rückmeldungen zu der ersten Phase und selbstverständlich Vorbesprechen der Lektionen.

Anna Reuter arbeitet an einem Berufskolleg in Köln und unterrichtet am Studienseminar in Köln:

Kurzer Kommentar: Das wäre ähnlich wie Varianten 2 und 4 zu sehen, bei denen aber alle Lerngruppen gleichzeitig in verschiedenen Räumen anwesend sind. Der Vorteil von Annas Vorschlag ist sicher, dass es gar nicht möglich ist, Frontalunterricht mit fragend-entwickelndem Unterrichtsgespräch durchzuführen, weil gar nicht die ganze Klasse da ist. Allerdings scheint mir die Präsenz der Lehrperson in drei Zimmern hohe Anforderungen für die doch beschränkte Präsenzzeit einer Klasse zu stellen.

Steffen Siegert ist Lehrer und stellvertretender Schulleiter:

Seine Idee muss evtl. noch etwas ausgeführt werden, ich verstehe sie so: Die ganze Klasse wird in Lerntandems (oder um bei der Dreiteilung zu bleiben: Dreiergruppen) aufgeteilt. Von diesen Lerngruppen ist immer eine Schülerin oder ein Schüler im Schulzimmer präsent, die anderen arbeiten zuhause. Über Videocalls oder Treffen tauschen sich die Lerngruppen aus und arbeiten gemeinsam an den Problemen weiter, die jeweils im Unterricht anwesende Person vertritt dort auch die ganze Gruppe.

Generell stellt hybrider Unterricht das ganze System vor eine Belastungsprobe. Es fehlt die Zeit, um sich dafür seriös vorzubereiten. Deshalb wird wohl Design Thinking unumgänglich sein: Ein Setting entwerfen, es testen und es danach überarbeiten. Dabei ist es entscheidend, nicht an Perfektionsansprüchen zu zerbrechen: Nicht alle Schüler*innen werden gleich gut damit klar kommen, nicht alle Lehrpersonen werden hier beeindruckende Innovationen entwickeln. Aber das ist schlicht nicht möglich und auch nicht nötig.

Veröffentlicht von Philippe Wampfler

philippe-wampfler.ch

7 Kommentare zu „Präsenz- und Fernunterricht kombinieren

  1. Lieber Philippe, danke für deine strukturgebenden Gedanken, ich habe den Eindruck, Struktur braucht’s gerade allerorts. Eine Anmerkung für die Mitlesenden zu deinem Kommentar „Allerdings scheint mir die Präsenz der Lehrperson in drei Zimmern hohe Anforderungen für die doch beschränkte Präsenzzeit einer Klasse zu stellen.“ Ich habe gute Erfahrungen gemacht mit der Zuschaltung aller drei Räume zu einem raumübergreifenden Videomeeting. (Ja, dafür benötigt man stabiles WLAN, darüber verfügt nicht jede Schule, ich weiß. Leider wischt diese Tatsache aber oftmals als Totschlagargument alle Variationen und alternativen Überlegungen vom Tisch.) Im Raum, von dem aus das Meeting gehostet wird, sind die Schüler*innen, die über kein eigenes Endgerät verfügen, in den anderen wählen sich die Schüler*innen zu. Wenn man Etherpads o. Ä. für kollaborative Phasen nutzt, geht das im Zweifel auch mit dem Smartphone sehr gut.
    Grüße aus Kölle!

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