Teergruben sind die neuen Verhinderungsdiskurse

Eine Weile habe ich in Vorträgen und Publikationen immer wieder auf Verhinderungsdiskurse hingewiesen, mit denen verhindert wird, dass sich insbesondere die durch die Digitalisierung möglich gewordenen pädagogischen Neuerungen an Schulen durchsetzen.

Ein Beispiel dafür ist der Datenschutz und Urheberrecht, mit dem immer wieder Verunsicherung bei Lehrkräften geschaffen wurde, die erste Schritte mit digitalen Methoden machen wollten. Auch die langweilige Frage nach dem Mehrwert ist Teil einer Verhinderungsstrategie: Mit einem seltsamen Vergleich wird eine Art Beweislastumkehr vorgenommen, die dazu führt, dass neue Lernverfahren erst etwas beweisen mussten, was bereits benutzte nie beweisen könnten: Dass sie besser funktionieren als solche, die ganz anders funktionieren.

Mittlerweile nehme ich eine Verschiebung war. Werden intensive Debatten geführt, geht es nicht mehr darum, eine Transformation zu verhindern, sondern sie zu verzögern, Akteur*innen zu zermürben.

Auf Twitter hat Matz (?) vorgeschlagen, den Begriff der Teergrube dafür zu verwenden:

Dabei handelt es sich um ein Verfahren der Spam-Bekämpfung, bei dem unerwünschte Netzwerkverbindungen verlangsamt und Verbindungspartner blockiert werden. Die Diskussion über WhatsApp an Schulen ist ein ideales Beispiel für eine Teergrube: Wer die Diskussion führt, ist nicht gegen Digitalisierung oder gar Chats, nur halt gegen WhatsApp als Tool. Dieser Widerstand führt nun bei allen, die Chats mit Lernenden führen, dazu, dass sie auf andere Werkzeuge ausweichen müssen, bei denen der Netzwerkeffekt weniger gut spielt. Die Verbindung wird verlangsamt, die innovativen Lehrkräfte werden mit Arbeit und einer Diskussion blockiert, die sie daran hindert, weitere Entwicklungsschritte umzusetzen. Wer sich für WhatsApp ausspricht, erscheint verantwortungslos, unbedarft, korrumpiert.

Es gibt viele weitere Beispiele aus dem schulischen (und auch aus dem nicht-schulischen) Bereich, die ich jetzt weglasse:

  1. Die Diskussion darüber, ob Schüler*innen auch Leistung erbringen sollten ist eine Teergrube für Projektunterricht.
  2. Die Diskussion darüber, ob es nicht auch guten Frontalunterricht geben könnte, eine Teergrube für schülerorientierte Schulentwicklung.
  3. Die Vorgaben und Diskussionen über Digitalisierungskonzepte aller Art sind Teergruben für ihre Umsetzung.
  4. Die naive Frage danach, was denn digitale Medien für neurologische Auswirkungen auf Gehirne hätten, die sich noch in der Entwicklung befinden, ist eine Teergrube für jede Art von Nutzung digitaler Medien im Unterricht.
  5. Die Forderung nach einem adäquaten Informatik-Support ist eine Teergrube für die professionelle Entwicklung von einigen Lehrkräften.

Ed Batista bezeichnet Teergruben als den Ort, wo Ideen zum Sterben hingehen…

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La Brea Tar Pit in Kalifornien

 

Veröffentlicht von Philippe Wampfler

philippe-wampfler.ch

2 Kommentare zu „Teergruben sind die neuen Verhinderungsdiskurse

  1. Teergrube klingt so… schmutzig. Sprich nicht mit den Schmuddelkindern? Das ist wohl auch so gemeint: Teergruben sind immer im Unrecht, weil sie entweder „bewusster Prozess oder unbewusste Furcht vor dem Unbekannten“ sind. Neutraler vielleicht: „Diskutiere nicht mit Leuten, die du bislang nicht überzeugt hast, insbesondere, wenn sie ein anderes Thema diskutieren wollen als du.“ Und vermutlich ist das pragmatisch sogar sinnvoll, auch wenn es nicht schön klingt. Als Pädagoge muss man das zwar wieder und wieder tun, aber man hat neben dieser ja auch andere Rollen.

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