Wie aus informellem Lernen professionelle Kompetenzen werden

In Vorträgen zeige ich oft TikTok-Videos, z.B. dieses hier. Sie sollen zeigen, dass Jugendliche, die TikTok nutzen, dabei viel lernen und Kompetenzen aufbauen. Das Video zeigt etwa sehr schön, dass Hochformat neu Videostandard ist, weil Videos primär auf Smartphones angeschaut werden.

Jugendliche bewegen sich in einer Jugendkultur, welche direkt mit dem Medienwandel verwoben ist. Sie erwerben Medienkompetenz experimentell: Indem sie ausprobieren, was funktioniert, merken sie erst, was Kompetenz sein könnte.

Da Menschen immer lernen, erstaunt es nicht, dass Kinder und Jugendliche auch lernen, wenn sie digitale Geräte benutzen. Geht gar nicht anders. Nur lernen sie halt das, was sie interessiert, was für sie wichtig – auch sozial wichtig ist.

Aus der Sicht des Bildungssystems stellt sich die Frage: Lassen sich diese effizienten, beiläufigen Lernformen aus dem informellen Bereich auf den schulischen übertragen?

Kurze Antwort: Nein, das geht nicht.
Längere Antwort: Informelles Lernen bezieht sich auf eine soziale Praxis. Gelernt wird, was dort benötigt wird und Effekte erzeugt. Das geht in einer Klasse von Menschen, die nicht über ihre Passion verbunden sind, sondern durch ein Excel-File, viel schlechter. Hätte ich in meinem Deutschunterricht die Schülerinnen und Schüler, die Lust haben, über deutsche Literatur zu sprechen, würde vieles flüssiger laufen. Doch das geht leider aus systemischen Gründen nicht. Sobald in einem formellen Kontext informelle Prozesse emuliert werden, sind sie nicht mehr informell. Bildschirmfoto 2019-11-17 um 15.21.46.png

Dennoch können professionelle Kompetenzen aus informellen Lernprozessen entstehen. Drei Aspekte scheinen mir dafür wichtig:

  1. Reflexion in einem professionellen Kontext
    Schulen und Unternehmen müssen Menschen dabei unterstützen, informell Gelerntes darzustellen, mitzuteilen und dafür Wertschätzung zu erhalten. So entsteht ein Bewusstsein dafür, wie Menschen informell lernen, ja: Dass es sich dabei überhaupt um Lernprozesse handelt.
  2. Bezug auf einen professionellen Kontext
    In Lernumgebungen können Lernende dazu eingeladen werden, sich Kompetenzen informell anzueignen. Also etwa, indem Jugendliche aus der französischen Schweiz mit Jugendlichen aus dem deutschsprachigen Teil Zeit verbringen, in einem nicht-schulischen Kontext interagieren. Dann lernen sie Deutsch bzw. Französisch.
  3. Netzwerke schaffen
    Wie die Grafik von Jarche zeigt, vernetzen sich Menschen mit verschiedenen Netzwerken. Für mich als Lehrer wäre der blaue Teil das Team an der Schule. Im roten Bereich wären andere Lehrpersonen angesiedelt, die Sprachen unterrichten. Und in der grünen Ellipse wären die Menschen, mit denen ich auf Facebook, Instagram und Twitter über meine Arbeit diskutiere.
    Diese Netzwerke stärken informelle Lernprozesse und beziehen sie wiederum auf einen professionellen Kontext. Schülerinnen und Schüler sollten bewusst Netzwerke aufbauen und sie für ihr Lernen benutzen.

Bildschirmfoto 2019-11-19 um 14.49.08.png

Veröffentlicht von Philippe Wampfler

philippe-wampfler.ch

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