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Lässt sich Unterricht skalieren? – Oder: Das Vertrauensproblem digitaler Bildung

Kürzlich habe ich auf der Wall von Sarah Genner bei Facebook an einer Diskussion teilgenommen, bei der es um die Frage ging, ob Noten und Fächer abgeschafft werden sollen. Diese Frage kann aus verschiedenen Aspekten betrachtet werden: Wer mich kennt, weiß, dass ich pädagogisch gerne ohne Noten und Fächer arbeiten würde, mein Ideal ist Projektlernen in einem digitalen Kontext, das Lisa Rosa umfassend dargestellt hat.

Aus einer Systemperspektive haben aber Noten und Fächer eine Funktion, die irgendwie ersetzt werden müsste. Nehmen wir Noten: Kommt das Zeugnis nach Hause, erleben Eltern und Kinder, dass eine Leistung erbracht worden ist, die beurteilt werden kann. Die Lehrpersonen zeigen durch das Setzen von Noten, dass sie die Leistung der Kinder wahrnehmen und einschätzen. Noten lassen Unterricht und Lernen als bedeutsam erscheinen. Hier erfolgt eine Kommunikation, die ohne Noten ersetzt werden müsste: Z.B. müssten Eltern an Projektpräsentationen eingeladen werden und dort erleben, wie Lehrende Feedback geben.

Noten und Fächer haben weitere Funktionen, besonders auch für die Kommunikation im Team der Lehrenden einer Schule und auch über Schulen hinaus. Selbstverständlich können Noten und Fächer ersetzt werden. Nur: Mach die digitale Transformation das einfacher?

Hier komme ich auf die Facebook-Diskussion zurück. Mein Diskussionspartner, Philipp Meier, meinte, die Schule werde hier erleben, was digitale Transformation leisten könne. Was sich heute niemand vorstellen könne, könnte bald Realität sein.

Was heißt das auf Noten oder Fächer bezogen? Wir können uns vorstellen, dass ein Tablet für Lernaktivitäten benutzt wird. Egal was Lernende tun, das Tablet speichert die Lernaktivitäten, bietet weiterführende Aufgaben an und erstellt im Hintergrund auch eine Bewertung – ganz ähnlich wie bei Uber, wo ich zwar die Fahrer*innen bewerte und sie mich, ich aber eigentlich erst etwas von dieser Bewertung bemerke, wenn es zu einem Problem kommt (mein Score zu tief ist, um überhaupt noch bedient zu werden).  Genau so könnte das vorgestellte Tablet irgendwann warnen, wenn nicht mehr gelernt wird, in der Regel aber einfach funktionieren.

Solche Tablets würden problemlos skalieren, d.h. sie könnten in großer Zahl hergestellt werden, ohne dass mehr Aufwand entstünde. Nur: Damit werden auch fixe Kategorien (wie Fächer) und Bewertungsfunktionen (wie Noten) skaliert – d.h. sie gewinnen an Bedeutung, auch wenn sie versteckt operieren. Lernsoftware operiert nicht außerhalb von programmierten Aufgaben und nicht ohne Leistungsmessung.

Was dabei aber verlorengeht, ist der persönliche Blick auf einen Menschen. Deshalb ist Feedback geben die ideale Form eine Rückmeldung: Hier wird eine differenzierte Wahrnehmung ausgedrückt. Diese Wahrnehmung und und dieser Ausdruck skaliert nicht. Er kann von Menschen erbracht werden, die Lerngruppen von rund 20 Lernenden betreuen. Selbstverständlich können diese durch digitale Hilfsmittel entlastet oder unterstützt werden – aber ihre Aufgabe, eine andere Person zu sehen und mit ihr über ihr Lernen zu sprechen, die lässt sich nicht digital skalieren. Weil dazu Vertrauen nötig ist – auf zwei Seiten.

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5 Comments

  1. Spannender als die Skalierbarkeit und das mit der digitalen Revolution, die „bald Realität“ sein soll, finde ich die Noten an sich, aber nicht so spannend, dass ich mich deswegen nach Facebook begebe. Noten haben viele Funktionen, aber die im Moment unverzichtbare ist die, Vorrückungsentscheidungen und Abschlusszeugnisse gerichtsfest zu machen. Mir wäre da ebenfalls „Vertrauen“ (aus anderer Perspektive vielleicht „Willkür“ genannt) lieber.

    Kann die Ära der Digitalität helfen, Vorrückungsentscheidungen und Abschlusszeugnisse zu automatisieren (aus anderer Perspektive „flexibilisieren“)? Ein bisschen vielleicht, über Modularisierung. Das ist insofern skalierbar, als ein Schüler oder eine Schülerin halt mal vier Wochen Deutsch oder Mathematik bucht, wenn es gerade nötig ist. Die Klassengröße mag dann weiter um die zwanzig sein. Ob das mehr Nach- als Vorteile hat: müsste man sehen.

  2. Ich stimme dem Gesagten zu. Lernerfolg ist sehr schwer quantitativ zu messen und wenn man versucht, ihn in Zahlen auszudrücken, kann es passieren, dass SchülerInnen nur noch stumpf versuchen, ihre Punktzahl zu verbessern, anstatt tatsächlich etwas Sinnvolles zu lernen.
    Etwas ähnliches passiert ja im Wissenschaftsbetrieb, wo Forschungserfolg gern mit einer hohen Publikationszahl, einem hohen Hirsch-Index und einem großen Impact Factor gleichgesetzt wird. Es gibt dann eben auch WissenschaftlerInnen, die nur noch des Publizierens wegen publizieren, und nicht mehr, weil es die Wissenschaft im Speziellen und die Menschheit im Allgemeinen weiterbringt.

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