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Das #twitterlehrerzimmer – eine Kritik

Gestern habe ich bei #wildcampen19 einen Vortrag zum #twitterlehrerzimmer gehalten. Einige Thesen und Zugänge formuliere ich hier, damit sie im Zusammenhang verständlich sind. Die Slides habe ich hier abgelegt.

Vorbemerkung: Kritik und Twitterlehrerzimmer
Die Geschichte
Funktionen des Twitterlehrerzimmers
Die Daten
Kritikpunkt 1: Fortbildung
Kritikpunkt 2: Theorie und Praxis
Kritikpunkt 3: Paralleldiskurse
Kritikpunkt 4: Gesprächskultur
Kritikpunkt 5: Öffentlich oder privat?
Kritikpunkt 6: Bildungspolitik
Fazit

Eine Vorbemerkung:
Was ist Kritik und was ist das Twitterlehrerzimmer? 

Wenn ich Kritik übe, dann hat diese Kritik eine interaktive und eine gesellschaftliche Ebene: Auf der interaktiven Ebene bedeutet Kritik, andere Äußerungen wahrzunehmen und zu sagen, was ich dazu denke. Kritik ist so verstanden Aufmerksamkeit, Wertschätzung – und kann für die andere Person eine Ressource sein, wenn sie sie annehmen kann. Zu oft wird sie als persönliche Abwertung, als Beurteilung einer Leistung verstanden.

Kritik ist die Kunst, nicht dermaßen regiert zu werden.
Kritik ist die Bewegung, in der sich das Subjekt das Recht herausnimmt, die Wahrheit auf ihre Machteffekte hin zu befragen und die Macht auf ihre Wahrheitsdiskurse.

Diese Bestimmung von Foucault (1978) bezeichnet die globale Ebene von Kritik: Wenn Menschen sich auf Twitter austauschen, produzieren sie Wahrheiten, sie schaffen auch Hierarchien. Diese Hierarchien sichtbar zu machen und in eine Distanz zu ihnen zu treten zeigt Machteffekte auf – Machteffekte, die gesellschaftliche Gruppen produzieren.

Das tun sie in dem, was man »Twitterlehrerzimmer« bezeichnen könnte: Also in allen Gesprächen, die auf Twitter unter Lehrerinnen und Lehrern verlaufen (dass das »Twitterlehrerzimmer« heißt und Frauen bestenfalls mitgemeint sein, verweist ja schon auf einen Machtaspekt). Das ist die eine Bedeutung, die der Titel hat: Ich übe Kritik am Austausch von Lehrkräften auf Twitter.

Die engere Bedeutung bezieht sich auf einen Hashtag: #twitterlehrerzimmer ist ein Schlagwort, das verwendet wird, um eine spezifische Form von Sichtbarkeit zu erzeugen, einen Tweet all denen zur Lektüre anzubieten, die den Hashtag verwenden. Einiges, was unten als Datenauswertung erscheint, bezieht sich auf diesen Hashtag, weil der gesamte Austausch für mich in Bezug auf Daten nicht zu fassen ist.

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Meine Methode, die ich im Folgenden verwende, ist ans Dagstuhl-Dreieck angelehnt: Es gibt Fragen vor, die Kritik digitaler Phänomene ermöglichen. Eine für mich wichtige vierte Frage ist die nach der Genealogie dieser Phänomene.

Die Geschichte

Meine These: Benutzt man den Hype Cycle als Modell für die Entwicklung der Twitter-Vernetzung unter Lehrkräften im deutschsprachigen Raum, dann verweist #twitterlehrerzimmer als Hashtag auf das »Plateau der Produktivität«: Nach den überzogenen Erwartungen, die mit #edchatde verbunden waren (und der Ernüchterung durch das #edchatde-Buch) ist nun eine Form gefunden, die allen produktives Arbeiten ermöglicht: Keine fixen Termine, keine Hierarchie – aber permanente Möglichkeit, Fragen zu stellen, Erfahrungen zu reflektieren und Material und Ideen auszutauschen.

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Die Funktionen des Twitterlehrerzimmers

In der Präsentation habe ich Beispiele gezeigt, mit denen sich 10 Funktionen unterscheiden lassen. Gebündelt zeigen die sechs Felder aber unterschiedliche Bedürfnisse und Intentionen, welche Lehrkräfte haben, die im Twitterlehrerzimmer aktiv sind.

Die Felder sind teilweise deutlich getrennt: Wer eine Bühne sucht, will sich nicht in eine Community einbringen oder sie aufbauen. Wer Feedback gibt oder sucht, teilt keine Inhalte.

Oft überlappen sich die Felder aber auch. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben mehrere Absichten und Wünsche. Sie teilen Dinge aus Überzeugung, wünschen sich aber auch Wertschätzung. Sie geben Feedback, sind aber generell an einem Austausch interessiert.

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Die Daten

»Clustering funktioniert nicht wirklich, weil das alles nur ein großer Cluster ist«, sagt Luca Hammer. Das Bild zeigt, wer mit wem wie stark interagiert und verbunden ist. (Ein durchsuchbares svg-Bild findet sich hier, zuerst runterladen und dann öffnen.)

Das Twitterlehrerzimmer ist ungefähr so groß wie das Saarland: Leben 1% der Menschen im deutschsprachigen Raum im Saarland, so sind auch ungefähr 1% der Lehrkräfte auf Twitter vertreten.

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Das Twitterlehrerzimmer ist in den letzten Monaten gewachsen, im Vergleich mit 2018 hat sich 2019 das Volume fast verdoppelt.

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Ich habe bei TweetBinder genauere Daten für das letzte Jahr gekauft, ich teile das Excel-File mit allen Daten (auch zu einzelnen Usern) sehr gern, einen Report dazu findet ihr hier. Wichtig finde ich dabei eine Zahl: Der Dienst schätzt den Wert des Hashtags im letzten Jahr auf über $130’000. Das heißt: Was Lehrkräfte auf Twitter machen, hat neben vielen anderen Werten auch einen ökonomischen, der oft übersehen wird, weil heute niemand dafür bezahlt.

Kritikpunkt 1: Fortbildung

Wir erleben eine Fortbildungskrise: Viele Fortbildungsangebote ermöglichen keine nachhaltige Vernetzung, geben die Verantwortung für den Transfer nicht so an die Lehrkräfte ab, dass der Transfer ihnen überlassen wird, aber für sie auch tatsächlich möglich ist – sind generell wenig wirksam und didaktisch reflektiert. 

Das #twitterlehrerzimmer ist ihr Symptom dieser Krise: Lehrkräfte nehmen einen informellen Austausch als wertvoller wahr, als bestimmte Angebote im Fortbildungskatalog. 

Kritikpunkt 2: Theorie und Praxis

Zu oft werden auf Twitter theoretisch-didaktische Reflexion der Unterrichtspraxis und Umsetzungsvorschläge gegeneinander ausgespielt. Reflexion und Lehrpraxis müssen ständig verbunden sein, es gibt idealerweise keine Trennung von Theorie und Praxis. Entsteht diese doch, liegt das auch am Gesprächsformat, das Problem fällt darauf zurück.

Kritikpunkt 3: Paralleldiskurse

Im Twitterlehrerzimmer sind Pioniere im Bildungssysteme vernetzt – mit Menschen, die zivilgesellschaftliche Initiativen voranbringen und mit der Digitalwirtschaft. Sie führen dort Diskurse, die von denen, die an Hochschulen, an Schulen, in der Wirtschaft oder in der Bildungspolitik laufen, getrennt sind. Das Twitterlehrerzimmer ist zu wenig breit abgestützt. Dafür können die Akteurinnen und Akteure nicht, aber sie müssen damit rechnen, ihre Gespräche an anderen Orten noch einmal führen zu müssen…

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Kritikpunkt 4: Gesprächskultur

Auf Twitter gelten andere Regeln als bei Gesprächen mit physischer Präsenz. Die Regeln und die damit verbundenen Mechanismen kann man mit Erfahrung verstehen (ich verzichte hier auf eine Beschreibung). Das Verständnis führt zu Erwartungen, die sich im richtigen Bereich bewegen: Es wird abschätzbar, was mit einem Tweet passieren könnte, wie Gespräche verlaufen könnten. Christopher Lauer hat zu den Blütezeiten der deutschen Piratenpartei vom »Game« gesprochen, das man kennen müsse: Auch das Twitterlehrerzimmer ist ein Game, dessen Regeln alle gemeinsam machen. Wenn dich Gesprächsverläufe stören, musst du selber für bessere Gespräche Verantwortung übernehmen. Das macht niemand für dich.

Die folgende Übersicht zeigt, welche Probleme aufgrund unterschiedlicher Erwartungen entstehen können: Wer einen Auftritt auf einer Bühne plannt und dann auf Kritik stößt, ist vielleicht enttäuscht oder auch zufrieden. Wer diskutieren will, aber es mit Leuten zu tun hat, die nur nach dem suchen, was ihnen konkret in dem Moment weiterhilft, wird keine gute Gesprächspartnerinnen und -partner finden. So könnte jeder der Punkte genauer beschrieben und auch mit Fällen illustriert werden. Dadurch würde auch das immense Konfliktpotential deutlich, welches im Twitterlehrerzimmer steckt…

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Kritikpunkt 5: Öffentlich, halb-öffentlich, privat

Soziale Netzwerke sind für mich halb-öffentlich: Die Beiträge richten sich an ein bestimmtes Publikum, doch niemand kann kontrollieren, ob sie nicht anderen Publika zugespielt werden. Ich rechne nicht damit, dass viele Lehrkräfte meiner Schule meine Tweets lesen, aber ich weiß, dass das möglich ist.

Diese Halböffentlichkeit ist nicht ganz einfach. Noch komplexer wird sie dadurch, dass oft private Gespräche zwischen Akteurinnen und Akteuren laufen, die nicht sichtbar sind. In Direktnachrichten erfolgt Begleit- oder Hintergrundkommunikation, an der nur Ausgewählte beteiligt sind… Das macht Interaktionen intransparent.

Das #twitterlehrerzimmer verhandelt immer wieder neu, was offen gesagt werden kann und  was/wer geschützt werden muss. Generell schafft das #twitterlehrerzimmer eine unkontrollierbare Halböffentlichkeit.

Rückmeldung und Kritik anzunehmen benötigt Selbstöffnung, Selbstöffnung ein gewisses Maß an Vertrauen in das Gegenüber, und Vertrauen entwickelt sich nicht aus Kontrolle. Die implizite Anforderung, die sich aus dem Schreiben im öffentlichen Raum ergibt, nämlich die der persönlichen Greifbarkeit, schafft Verletzlichkeit und die Erfahrung, dass hier Personen und Rollen verwechselt werden.  – @leonceundlena

Kritikpunkt 6: Bildungspolitik im Twitterlehrerzimmer

Das Twitterlehrerzimmer ist ein Ventil für Frustrationen über Bildungspolitik – und ein Forum, in dem Anliegen Form annehmen, sichtbar werden und so politische Kraft entfalten können. #twitterlehrerzimmer kann also bildungspolitischen Anliegen die Wirkung nehmen  oder sie überhaupt erst wahrnehmbar machen. 

Fazit

Twittern kann für Lehrkräfte Unterhaltung, Fortbildung, Frustabbau, Vernetzung, Forum, Information oder Spielfeld sein. Weil unterschiedliche Personen Unterschiedliches damit machen – und ganz spezifische Persönlichkeitsmerkmale mitbringen – entstehen viele Konflikte.

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