Mit der »Flarf«-Methode kreative SMS oder Tweets schreiben

In seinem Buch »Schreiben unter Strom« stellt Stephan Porombka unter anderem die Flarf-Methode vor, um mit Google-Ergebnissen Lyrik zu erstellen. Er präsentiert ein mögliches Ergebnis (S.  28):

Doc - 19.02.2013 16-16

Ein FAZ-Artikel beleuchtet den Hintergrund der Flarf-Bewegung:

Von nun an ging es [Gary Sullivan] darum, möglichst lustige, politisch inkorrekte, subversive, unflätige, anzügliche – irgendwie jedenfalls unpassende Gedichte zu schreiben. Die Clique seiner Dichterkollegen in New York hielt das für eine zeitgemäße Idee (es war die Bush-Ära) und schloss sich an. Wer von ihnen auf den Namen „Flarf“ kam, weiß Sullivan nicht mehr, aber er definiert es folgendermaßen: „Flarf besitzt die Eigenschaft des Flarfigen.“ Im März 2001 richten sich die Flarfisten eine Mailingliste ein und beginnen, Gedichte hin und her zu schicken, die aus Versatzstücken von Google-Suchergebnissen bestehen.

„Ich google zwei disparate Suchbegriffe, beispielsweise ,Latex’ und ,Michael Jackson’“, sagt Sharon Mesmer, ebenfalls Flarf-Dichterin, studierte Philologin, Anfang vierzig, die hauptberuflich Kreatives Schreiben an der New School in New York unterrichtet. „Dann kopiere ich einige Textstücke aus der Ergebnisliste von Google in ein Word-Dokument und bearbeite sie, arrangiere um, denke mir Sätze aus. Das fertige Gedicht schicke ich an die Flarf-Mailingliste.“

Dort wird es dann von den anderen Dichtern weiterbearbeitet, wieder gegoogelt und so fort. Das Gedicht ist also nie fertig. Insofern hat der Werkbegriff der Flarf-Leute etwas Vorneuzeitliches. Sie sind wie im Mittelalter eher Redakteure und Kopisten denn Autoren, ihre Texte durchlaufen viele verschiedene Stadien. Es existieren gleichwertige Varianten, aber kein Original. Denn man stützt sich ja immer schon auf kopierte Bruchstücke aus Ergebnislisten – und deren Autoren sind sowieso unauffindbar.

Ich habe daraus ein Anleitung für den Unterricht gemacht, die man hier als pdf runterladen kann.

Gewählt habe ich – aus aktuellem Anlass – die Begriffe »Wien«, »Februar« und »Schreiben«; diese gegooglet und dann eine der hinteren Ergebnisseiten gewählt. Daraus habe ich dann je drei interessante Sätze rauskopiert, aus denen sich dann ein Gedicht erstellen lässt.

Die Aufgabenstellung lautet konkret wie folgt:

  1. Schreiben Sie ein Gedicht, das sich als SMS oder Tweet versenden lässt, d.h. es darf inkl. Leerzeichen nicht länger als 160 oder 140 Zeichen sein.
  2. Gehen Sie wie folgt vor:
    a) wählen Sie interessante Wörter oder Sätze aus
    b) arrangieren Sie sie
    c) schleifen Sie (Satzeichen, Einfügen von Partikeln etc.)
  3. (freiwillig)
    Publizieren Sie das Gedicht, indem Sie es jemandem schicken oder es auf Facebook oder Twitter veröffentlichen.

Interessanter wird das Ganze, wenn als Vorlage nicht Google-Ergebnisse, sondern die SMS, Tweets oder Facebook-Statusnachrichten von anderen Personen genommen werden, die dann – als eine Art Rückmeldung – ein Gedicht erhalten.

Rezension: Stephan Porombka – Schreiben unter Strom

Viele der Bücher, die Social Media thematisieren, wählen einen kritischen oder pädagogischen Zugang, in dem es hauptsächlich um die Bedeutung des Medienwandels gibt. Stephan Porombkas Schreiben unter Strom zeigt die Möglichkeiten auf, die entstehen, wenn man kreatives, literarisches Schreiben mit der Kraft digitaler Kommunikation ausstattet:

Wer unter Strom schreibt, schließt automatisch alle Möglichkeiten ein und bringt sie ins Spiel, um sie immer wieder mit etwas anderem zu kombinieren und dadurch neue Impulse zu bekommen und sie gleichzeitig an andere weiterzugeben. (153f.)

Das Buch ist auf zwei Arten bemerkenswert: Es ist bis auf eine kurze Einleitung fast nur eine kurze Darstellung konkreter Schreibaufgaben und Projektarbeiten, in der die spezifische Charakteristik des Schreibens in sozialen Netzwerken aber klar präsentiert wird. Und es ist so klug und gleichzeitig stilistisch eingängig geschrieben, dass man sich nicht wundert, dass der Spiegel Porombka zu den besten Professoren Deutschlands zählt.

In der Einleitung hält Porombka fest, dass es angesichts einer Entwicklung, in der Konzentration durch Ablenkung ersetzt wird, nur die Verweigerung oder die Zweckentfremdung gibt: »Die User sollten mit den Geräten etwas tun, wofür diese auf den ersten Blick gar nicht vorgesehen sind« (10). Es ist klar, welche Variante für kreative Schreibprozesse interessanter ist:

Mit dem Experimentieren beginnen! Hands on! Auch auf die Gefahr hin, dass man alles Bekannte über den Haufen werfen muss und dabei in Zustände gerät, in denen die alten Orientierungsmuster für Kunst uns Leben abhandenkommen, ohne durch neue ersetzt zu werden. Auch das kann man lernen, wenn man unter Strom schreibt: dass sich das Auflösen der bekannten Zusammenhänge für produktive Schübe nutzen lässt. (13)

Die konkreten Aufgaben sind dann in Grundlagen – Nächste Schritte und Radikalisierungen gegliedert. Dort werden konkrete literarische Verfahren beschrieben, die unter Zuhilfenahme von bestimmten Tools literarische Texte hervorbringen können. Ihre Darstellung basiert auf einer Beschreibung von Goethes Werkstatt. Porombka interpretiert Goethes Bestrebungen, »in […] Räumen Menschen, Gegenstände, Reflexionen, Kommunikationen und Schreihandlungen so [zu organisieren], dass sie sich gegenseitig intensivieren«, als die Schreibwerkstatt, die heute Computer heißt:

Der Computer ist die Maschine, in der wir unsere Aktivitäten immer dichter vernetzen. Dieses fein gesponnene Netz ist unsere Werkstatt. Unser Atelier. Unser Labor, in dem wir mit Materialien experimentieren. Es ist der Ort, an dem wir die Welt für uns herstellen. Und mit der Welt gleichzeitig uns selbst. (19)

In den folgenden Abschnitten werden grundlegende Verfahren wie Remix und algorithmische Kunstproduktion beschrieben, aber immer auch die nötigen Netzwerke wie Twitter oder Hypertexte für Laien anschaulich erklärt. Die einzelnen Schreibaufgaben möchte ich hier nicht detailliert aufzählen – wer sich dafür interessiert, sollte das Buch unbedingt anschaffen: Es eignet sich hervorragend für Schreibkurse und für den Einsatz auf dem Gymnasium, weil es immer auch Links zu analogen Formen der Literaturproduktion schafft (z.B. könnte es gut als Begleitprojekt zu einer Werther- oder Kafka-Lektüre genutzt werden, da gibt es jeweils passende Kapitel).

Die Radikalisierung des Schreibens unter Strom führt den Autor dazu, vier Eigenschaften festzuhalten, mit denen solche kreativen Prozesse beschrieben werden können (121):

  1. Das Schreiben unter Strom ist ein kommunikatives Schreiben. Der Autor ist immer Sender und Empfänger zugleich. 
  2. Das Schreiben unter Strom ist nicht auf ein abgeschlossenes Werk angelegt.
  3. Das Schreiben unter Strom findet im jetzt statt. D.h. es »wird dauernd gefragt, was als Nächstes passiert.«
  4. »Schreiben unter Strom heißt, die Frage nach dem Unterschied zwischen Wirklichkeit und Fiktion zurückzustellen.«

Diese Liste zeigt, dass Porombka nicht Experimente beschreibt, welche Hobbyschriftstellerinnen und -schriftsteller für Fingerübungen brauchen können, sondern sich Gedanken macht, was literarisch »als Nächstes passiert«. Er beschreibt ausführlich, wie lineares Erzählen erschwert wird und Erwartungen an Produkte und Prozesse in der Literaturproduktion unterlaufen werden. Virtuelle und reale Welt »verschalten« sich (150), Materialien werden »kombiniert, bearbeitet, varriiert, weiterentwickelt und wieder eingespeist« – »eine[] belende[] Form von Produktivität« (150).

»Locker bleiben!«, gibt Prombka als Devise mit (153). Diese Lockerheit führt dazu, dass man sich auf die Zufälligkeit und Flüchtigkeit einlässt, die das Internet auszeichnen, sich davon anstecken lässt und sich bewusst wird, dass man bald wieder was anderes tun wird. Dann steht man vielleicht auch auf und schreibt ohne Computer weiter.

 

Digitaler Dualismus

Der Begriff Dualismus taucht in der Diskussion des Körper-Geist-Problems regelmäßig auf: Die naive, intuitive Position besagt, dass Menschen einen Körper und einen Geist haben, die nebeneinander existieren. Die Frage, wie man sich eine Interaktion zwischen materiellem Körper und nicht-materiellem Geist vorstellen müsse, stiftet dabei große Verwirrung. Die Verwirrung könnte gelöst werden, indem man eine so genannt monistische Position einnimmt: Es gibt nur den Körper, der in der Lage ist, so etwas wie geistige Phänomene hervorzubringen. Oder es gibt nur den Geist, der uns die Illusion gibt, einen Körper zu haben und in einer physisch manifestierten Realität zu leben.

Grafik zum Leib-Seele-Problem, Ausschnitt. Wikimedia.

Ausgehend von dieser Beschreibung kann man sich nun dem Problem der virtuellen und der realen Welt zuwenden. Auch hier gibt es eine naive dualistische Position: Sie besagt, dass es neben der realen Welt eine virtuelle Scheinwelt gibt. Eine nahe liegende Kritik an Social Media verwendet diese Art von Dualismus, um festzuhalten, dass Facebook-Freunde keine echten Freunde seien, Konversationen auf Social Media keine echten Gespräche (vgl. z.B. Sherry Turkle), Aktivitäten in der virtuellen Sphäre generell eine Ablenkung von dem, was in der Realität wichtig ist.

Der Dualismus ist auch in Bezug auf unsere Persönlichkeit eine verbreitete Position: Er gibt vor, wir hätten eine feste Identität, die sich in der physischen Welt manifestiert (über unser Aussehen, unser Verhalten, unsere Eigenschaften etc.). In der virtuellen Welt präsentieren wir dann Facetten dieser Identität, eigentliche Zerrbilder – häufig versehen mit Pseudonymen oder Avataren. Auch hier wird schnell eine Bedrohung unserer Identität festgestellt: Durch die virtuelle Zersplitterung könnten wir uns verlieren, vergessen, wer wir wirklich sind und was unsere Bedürfnisse sind.

Ich möchte der Vorstellung des digitalen Dualismus nun Alternativen gegenüberstellen. Eine Möglichkeit wäre es, festzustellen, dass das, was wir Realität nennen, in einem hohen Grad virtuell ist. Unser Hirn konstruiert grundsätzlich seine Außenwelt – genau so, wie das ein Computer tut. Wir sehen die Welt nicht als das, was sie ist – sondern wir stellen uns eine Welt vor und passen das Modell so an, dass unsere Interaktionen mit der Welt möglichst effizient sind. Genau so ist unsere Persönlichkeit in hohem Masse virtuell: Sie bestand nie aus einer Einheit, sondern wird bestimmt durch Erzählungen, Vorstellungen, Fiktionen, Auslassungen und Hinzufügungen. Als soziale Wesen präsentieren wir uns immer anderen Menschen – ganz ähnlich, wie das auf Facebook-Profilen passiert.

Der Künstler Roland Wagner Bezzola präsentiert sich auf Facebook. Stand 7. November 2012.

Man kann aber auch eine andere Perspektive einnehmen – wie das Nathan Jurgenson tut. Er spricht davon, dass das Virtuelle Teil der Realität ist – und schon immer war. Digitale Technologien ermöglichen nun einfach eine erweiterte Realität, eine Augmented Reality. Seine These lautet:

This speaks to a fundamental way of conceptualizing and theorizing the Internet specifically, and spaces and places generally: that digital and material realities dialectically co-construct each other. For example, social networking sites (e.g., MySpace, Facebook) are not separate from the physical world, but rather they have everything to do with it, and the physical world has much to do with digital socializing. No longer can we think of a “real” world opposed to being “online”. Instead, we need to think with a paradigm that centers on the implosion of the worlds of bits and atoms into the augmented reality that has seemingly become ascendant.
[Übersetzung phw:] Daraus kann man ableiten, wie eine Konzeptionalisierung und eine Theorie des Internets – und allgemeiner von Räumen und Orten – aussehen müsste: Digitale und physische Realitäten konstruieren sich dialektisch gegenseitig. Nehmen wir als Beispiel soziale Netzwerke wie MySpace und Facebook: Sie sind nicht von der realen Welt zu unterscheiden, sondern haben damit zu tun – genau so wie die physische Welt mit digitalisierten sozialen Prozessen zu tun hat. Wir können das »Reale« nicht länger als Gegensatz zu »Online« denken. Stattdessen brauchen wir ein Paradigma, das die Implosion der Welt der Bits und Atome in eine erweiterte Realität berücksichtigt.

Um ein konkretes Beispiel zu machen: In den USA ist es bei WG-Besichtigungen zunehmend üblich, dass Bewerberinnen und Bewerber ihr Facebook-Profil angeben müssen, damit überprüft werden kann, ob das, was sie von sich behaupten, wirklich stimmt. Damit trägt die virtuelle Sphäre dazu bei, eine reale Identität zu konstruieren. Ähnlich stellen sich Menschen der Netzgemeinde bei Treffen in der realen Welt häufig mit ihrem Twitter-Handle vor: Ihre Identität kann nur über ihre Profile auf sozialen Netzwerken markiert werden.

So überzeugend diese Feststellungen sind, so wichtig ist es, terminologisch genau zu bleiben. Giorgio Fontana hält fest, dass die Opposition oder Dualität zwischen einer digitalen Sphäre und einer realen nicht haltbar ist – das heiße aber nicht, dass man nicht zwischen online und offline oder digital oder analog unterscheiden könne. Zudem müsse man verschiedene Perspektiven unterscheiden:

”Real” can mean “belonging to reality” (ontology) but also “authentic” (a real friend – sociology, folk psychology, etc.). Jurgenson is right when he says that digital is not opposed to real in both senses: a conversation on Facebook or on Skype is not less real neither less authentic than a face-to-face one. It’s just different; really different: while rejecting the naive idea of it being inauthentic or unreal, we should also consider carefully what changes between these two ways of interacting.
[Übersetzung phw:] »Real« kann heißen »zur Realität gehörend« (ontologisch), aber auch »authentisch« (ein realer Freund – Soziologie, Volkspsychologie etc.). Jurgenson hat Recht, wenn er sagt, das Digitale sei dem Realen in beiden Bedeutungen nicht entgegengesetzt: ein Gespräch auf Facebook oder Skype ist nicht weniger real und nicht weniger authentisch als face-to-face-Gespräch. Es ist einfach anders; wirklich anders: Während die naive Sichtweise, es sei nicht authentisch oder nicht real zurückzuweisen ist, sollte man genau prüfen, was die beiden Arten der Interaktion unterscheidet.

Die Bedeutung dieser Analyse und dieser Fragen wird offenbar, wenn man sich vor Augen hält, was Luciano Floridi konstatiert hat:

[W]e are probably the last generation to experience a clear difference between offline and online.

Digitaler Dualismus wird verschwinden, weil die beiden Sphären sich nicht mehr unterscheiden lassen. Wir werden die Augen durch Brillen sehen, die unser Modell von der Realität mit Informationen ergänzen – und in der virtuellen Sphäre unsere Städte, Wohnungen und Mitmenschen auf eine ganz natürliche Art und Weise erleben. Das heißt nicht, dass wir über diese Erfahrungen und Seinsweisen nicht nachdenken sollten.

reality is virtual enough – Juan Antonio Zamarripa, society6

Was Social Media mit uns macht – ein kritisches Video

Der Strassenkünstler Above (Webseite, Wikipedia) hat am Galore-Festival in Kopenhagen diese Tage aus 9000 gemalten Bildern ein Timelapse-Video mit dem Titel #socialmedia erstellt, mit dem er dein Einfluss von Social Media kritisiert.

Above schreibt zum Video:

As irony has it this video will be reblogged and seen on social media outlets the world over. Go ahead and participate in the irony and reblog the video on your facebook and twitter accounts.
People look at me like I’m from another planet when I tell them I don’t have social media like Facebook, Twitter, or Instagram. In the eyes of social media I’m severely outdated, lost and not ‘connected’. Not partaking in the aforementioned social media makes me an outsider looking in on how hyper frequent society uses its sacred social media. I can’t help but observe the people around me who appear to be consumed and addicted to trying to keep up to speed on their social media pages. You check your Facebook page while driving. Tweet a message that you ‘just took a shower’. Instagram a photo of your double soy macchiato with extra foam and so it continues ad infinitum.
I have more questions than I do answers with social media. We live in a ridiculously hyper fast pace life where information is exchanged so rapidly that it makes us feel inadequate and drains our attention span.
[Übersetzung phw:] Ironischerweise wird dieses Video auf Blogs erscheinen und via Social Media zirkulieren. Nimm an dieser Ironie teil und verteile das Video über deinen Facebook- und Twitter-Account.
Leute schauen mich an, als käme ich von einem anderen Planeten, wenn ich ihnen erzähle, dass ich Social Media nicht nutze. In ihren Augen lebe ich in einer anderen Zeit, bin verloren und nicht verbunden. Die Weigerung, Social Media zu nutzen, macht mich zum Außenseiter, der eine hyperaktive Gesellschaft dabei beobachten kann, wie sie die heiligen Social Media nutzt. Ich kann nicht übersehen, wie Menschen um mich herum von Social Media absorbiert werden und danach süchtig sind, ihre Social Media-Seiten zu aktualisieren. Du schaust eine Facebook-Seite während dem Autofahren an. Du twitterst »ich habe gerade geduscht«. Du zeigst ein Photo von deinem doppelte Soja Macchiato mit extra Schaum auf Instagram und so geht das immer weiter ohne Ende.
Ich habe mehr Fragen als Antworten zu Social Media. Wir leben in einer lächerlich schnellen Zeit, in der Informationen so rasch ausgetauscht werden, dass uns nur noch das Gefühl der Bedeutungslosigkeit bleibt und unsere Konzentrationsfähigkeit schwindet.

Creative Commons im Unterricht

Die unten stehende Infografik von Martin Mißfeldt hat mich zu einer Skizze einer Unterrichtseinheit über Creative Commons-Lizenzierung angeregt. Idealerweise würde sie im Rechtsunterricht stattfinden, aber auch der Kunst- oder Literaturunterricht bietet die Möglichkeit einer Einbettung. So thematisiert Torsten Larbig in einer Unterrichtseinheit zu Kafkas »Das Urteil« (CC-BY-NC-SA) im Rahmen eines »medienpädagogischen Intermezzos« die Frage, wie Quellen anzugeben sind und mit Material, das im Internet scheinbar »frei« verfügbar ist, umgegangen werden soll:

Ich nutze die Ausgabe solcher freien Materilalien, die im Internetz legal kostenfrei verfügbar sind, um über freie Materialien mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen und ihnen das Lizenzmodell der CreativeCommons-Bewegung zu erläutern.

Dabei gehe ich dann auch auf die Frage ein, dass in den meisten Fällen von Schülerinnen und Schüler sowie von Lehrerinnen und Lehrer Material von z.B. Wikipedia fälschlicher Weise ohne Lizenzangabe verwendet wird. Ich erkläre, wie man sich über die Exportforunktion auf Wikipedia schnell die korrekte Lizenzangabe mit dem dazu gehörenden Text erstellen lassen kann, sodass zukünftig korrekte und vollständige Literaturangaben bei nicht nur in kleinen Teilen zitierten Texten möglich sind – und dann von mir auch (notenrelevant) erwartet werden.

Der Plan der Unterrichtseinheit sieht einen zweiteiligen Einstieg vor, bei dem z.B. in Gruppenarbeit drei unterschiedliche Fragestellungen (1-3) erarbeitet werden, die Erkenntnisse dann in einer abschließenden Sequenz (4) zusammengeführt werden.

(1) Was sind Commons/Gemeingüter?

Diese Fragestellung soll anhand von Auszügen aus dem ausgezeichneten Gemeingüter-Report der Boell Stiftung (als pdf kostenlos verfügbar) bearbeitet werden, z.B. das Liegestuhl-Beispiel von Heinrich Popitz oder die einfachen Übersichtsgrafiken mit Erläuterung:

Die Aufgabe wäre dann, dass man die Idee der Gemeingüter und sowie den Zusammenhang von Ressourcen, Communities und Regeln erklärt und an Beispielen veranschaulicht.

(2) Urheberrecht

Am Beispiel der Fotographie kann gut erläutert werden, aus welchen Komponenten das Urheberrecht besteht. Sinnvoll ist z.B. das Übersichtsdokument des Schweizer Rechtsanwalts Ueli Grüter, in dem die rechtliche Situation in der Schweiz erklärt und einige Beispiele diskutiert werden.

Angewendet kann diese Ausgangslage dann auf eine weitere Infografik von Martin Mißfeldt, in der das Vorgehen bei der Verwendung von Bildern diskutiert wird. Hier nur ein Auszug (CC-BY-SA):

(3) Creative Commons als System

Anhand der CC-Infografik von Mißfeldt (CC-BY-SA) und den Erläuterungen auf seinem Blog, der auch auf den erklärenden Text von Creative Commons verweist und die Symbole sauber erklärt, soll erklärt werden, welche Möglichkeiten Creative Commons bieten.

Auf Englisch gibts auch noch dieses hervorragende Video:


Zur Vertiefung wäre die Überlegung sinnvoll, ob NC und ND überhaupt verwendet werden soll, bedenkenswerte Gedanken in der informativen Broschüre von Paul Klimpel nachgelesen werden.

(4) Zusammenführung, Anwendung und Ausblick

Dieser Teil, bei dem die Erkenntnisse und das Wissen der Gruppenarbeiten ausgewertet und angewendet werden soll, könnte mit einem Quiz beginnen:

  1. Darf ich ein Bild, das ich mit der Google-Suche gefunden habe, auf Facebook veröffentlichen?
  2. Darf ich einen Ausschnitt aus einem Text zitieren?
    a) Wenn er 20 Wörter lang ist?
    b) Wenn er 20 Seiten lang ist?
  3. Dürfen Lehrpersonen aus Lehrmitteln Kapitel kopieren und mit ihren Schülerinnen und Schülern bearbeiten?
  4. Was würde es bedeuten, wenn Lady Gaga ein Album mit Creative Commons Lizenz veröffentlichen würde?
  5. Wenn eine Schülerin oder ein Schüler mit dem Smartphone ein Foto macht – hat sie oder er dann das Urheberrecht daran?
  6. Ist es illegal, einen Film oder ein Ebook gratis aus dem Internet runterzuladen?

Dann könnten Fragen diskutiert werden, welche die heutige rechtliche Praxis betreffen, den Umgang mit Urheberrechten in der Schule, die Publikation von Bildern und Texten im Internet und die Bedeutung von Quellenangaben – diese Fragestellungen entwickle ich hier nicht genauer, die dürften sich aus dem Unterrichtskontext ergeben.

(5) Ausweitung: Rollenspiel

Darüber hinausgehend wäre es möglich, in einem Rollenspiel ein ideales Urheberrecht zu entwickeln. Die Schülerinnen und Schüler vertreten jeweils eine Gruppe von Interessierten, z.B.:

  • erfolgreiche Urheberinnen und Urheber, die von ihren Einnahmen leben
  • Urheberinnen und Urheber, die wenig oder keine Einnahmen erzielen
  • Konsumentinnen und Konsumenten von Inhalten
  • Internetnutzer, die häufig Inhalte runterladen (legal oder illegal)
  • Politikerinnen und Politiker, die versuchen, eine möglichst hohe Lebensqualität und Rechtssicherheit herzustellen

In sinnvollen Gruppen könnten dann grundsätzliche Regelungen festgelegt und verabschiedet werden – oder Differenzen beobachtet werden, die sich nicht lösen lassen.

Zeichenbegrenzungen kreativ nutzen – Twitter im Deutschunterricht

Für viele Texte steht nur ein bestimmter Platz zur Verfügung. Historisch war Papier eine teure Ressource, über die man nicht beliebig verfügte. Ich konnte einmal zusehen, wie ein vom Literaturarchiv Marbach ersteigerter Schiller-Brief ausgepackt wurde: Der Brief umfasste einen Bogen und Schiller füllte jede Zeile aus – ohne, dass man das dem Inhalt oder Stil des Briefes angemerkt hätte.

Ähnlich war es mit Postkarten, die nicht nur sehr limitierten Platz boten, sondern auch nur dann günstiger frankiert werden konnten, wenn sie 20 Wörter oder weniger enthielten.

Ein weiteres Beispiel sind journalistische Texte, deren Länge oft exakt vorgegeben ist, um das Layout zu erleichtern.

Kurz gesagt: Zum Schreiben gehörte lange Zeit der Umgang mit Begrenzungen. Sie stellen Anforderungen an präzise Wortwahl, an inhaltliche Verdichtung, an bewusste Stilwahl.

Digitale Medien erlauben es, Texte von unbeschränkter Länge zu schreiben. Gerade bei Blogs führt das oft zu zu langen Texten, wie ich kürzlich an einem anderen Ort festgehalten habe.

Aus diesen Gründen halte ich den Einsatz von Twitter in einem Schreibprojekt für sehr sinnvoll. Ich skizziere es hier grob und werde den Post vervollständigen, wenn ich damit konkrete Erfahrungen gesammelt habe. (Bisher habe ich Schülerinnen und Schüler nur in Twitter eingeführt und sie ausprobieren lassen.)

  • Das Projekt ist wohl ab dem 7. Schuljahr denkbar.
  • Alle Schülerinnen und Schüler einer Klasse sollen ein Profil unter einem Phantasienamen erstellen.
  • Idealerweise wird dem Profil eine Rolle und den geäußerten Tweets eine Funktion zugewiesen: Bsp. Lästern über fiktive MitarbeiterInnen, Kommentare zum Zeitgeschehen, ein Vater rapportiert lustige Aussagen eines Kindes, Kommentare zu Fernsehwerbung, das Wetter des Tages in Reimform etc.
  • Ziel: Unterhaltsame und dennoch tiefgründige Entwicklung einer Rolle durch die Äußerung fiktiver Tweets.
  • Regeln:
    a) Es dürfen keine  Abkürzungen verwendet werden.
    b) Aussagen dürfen nicht auf mehrere Tweets aufgeteilt werden.
    c) Vollständige Sätze sind Pflicht.
    d) (optional) Alle Tweets in Standardsprache (z.B. Duden-konform).
  • Eine bestimmte Kadenz wird vorgegeben: Z.B. 5 Tweets pro Woche. (Können dann von mobilen Geräten aus oder auch vom PC aus verfasst werden.)
  • Ein Mal pro Woche gibt es die Möglichkeit für Feedback: Z.B. stellen immer fünf SchülerInnen ihren Lieblingstweet der Woche vor (ausgewählt aus den Tweets der Klasse).
  • Projektdauer: Ein Semester, als rund 20 Wochen.
    Ergibt 100 geschriebene Tweets.
  • Abschluss: Projektreflexion, Auswahl der gelungensten Tweets, stilistische Betrachtungen (z.B. Satzlänge, Satzbau, Semantik, evtl. mit einem Statistiktool arbeiten).

Ich freue mich über weitere Inputs und Anregungen…

Digitale Einsamkeit

Auf dem Tumblr »Screenshotsofdespair« (Bildschirmfotos der Verzweiflung) werden Ausschnitte aus Social Media-Applikationen gesammelt, die aufzeigen, wie verloren sich Menschen in diesen Programmen fühlen können. Die Bilder, eine Art Kunstprojekt, verdeutlichen ein Paradox: Dass gerade die Verbundenheit über digitale Schnittstellen zu einer radikalen Einsamkeit führen kann.

Hier ein paar Beispiele, alle stammen aus derselben Quelle (aber verschiedenen sozialen Netzwerken):

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