Zur Struktur von (Lern-)Netzwerken

Social Media ermöglichen uns die Teilnahme an vielfältigen Netzwerken. Das eigentlich Neuartige, so meine These, ist nicht der digitale Aspekt, sondern die Tatsache, dass sich die Eigenschaften eines Netzwerkes fast beliebig bestimmen lassen. Die daran anschließende Frage wäre, wie ein Netzwerk denn zu beschreiben wäre.

Ich bin sicher, es gibt zu dieser Frage eine umfassende Theorie – die folgenden Gedanken können nicht mehr sein als der Versuch eines Dilettanten, gewisse Merkmale festzuhalten; die ich dann auf schulischen Unterricht anwenden werde.

(1) Kontingenz

[Niklas Luhmann] stand in der Post, und vor ihm am Schalter erklärte der Schalterbeamte einer Frau mit hartem östlichen Akzent wieder und wieder das Ausfüllen eines Formulars. Luhmann hatte das längst verstanden und bot der Frau an, ihr zu helfen. Sie gingen zu einem kleinen Tisch, wo er sich setzte, um das Formular auszufüllen. Er wollte das Formular nehmen, doch die Frau riss es an sich und rannte aus der Post.

Diese Episode erzählt Detlef Horster bei der Beantwortung der Frage »Warum moralisch sein?« (2009). Er zeigt damit die doppelte Kontingenz in menschlichen Interaktionen auf: Weder weiß ich, was mein Gegenüber als Nächstes tun wird, noch weiß mein Gegenüber, was ich tun werde.

Netzwerke können mehr oder weniger Kontingenz zulassen, indem sie die Meldungen von Menschen mit Filtern versehen. Videos in Vine sind nie länger als 6 Sekunden, Bilder in Instagram stets quadratisch, Tweets nie länger als 140 Zeichen etc. Stärkere Reduktion von Kontingenz erfolgt mit einer Moderation (wie z.B. bei Kommentaren in Blogs). Chatroulette ist ein Beispiel für ein Netzwerk mit sehr hoher Kontingenz: Ich bekomme einen Partner oder eine Partnerin oder eine Gruppe von Menschen im Video-Chat zugeteilt, die spontant mit mir interagieren.

Kontingenz ist mehr als die Art der Beziehungen, sie hängt auch von den kommunikativen Handlungen ab. Was kann ich von anderen erwarten?

Kontingenz im Unterricht.

Kontingenz im Unterricht.

(2)  Bekanntheit der Teilnehmenden am Netzwerk

Während auf einer Bestattung meist ausschließlich Menschen anwesend sind, welche die oder den Tote(n) persönlich gekannt haben, gibt es für ein Popkonzert keine ähnliche Voraussetzung. Die »Ties«, also die Verbindungen zwischen den Menschen, können enorm schwach sein. Netzwerke können auf starken Verbindungen basieren und schwache konsequent ausschließen oder sogar unbekannte Menschen miteinander verbinden. Das hat natürlich auch mit Kontingenz zu tun.

(3) Anbindung an Raum und Zeit

Eine Wohnung zu haben ist mit der Teilnahme an einem sozialen Netzwerk verbunden: Die Wohnung bzw. die Klingel und die Haustür sind ein Profil, mit dem Menschen interagieren können: Allerdings nur, wenn sie sich an einem bestimmten Ort befinden (allenfalls zu einer bestimmten Zeit dort sind). Netzwerke können örtliche und zeitliche Zusammenhänge stärker oder weniger stark in ihre Struktur einbeziehen. Ein Chat funktioniert komplett ortsunabhängig, aber meist synchron; während Foursquare-Checkins zeitunabhängige Kommunikation ermöglichen, die aber an einen Ort gebunden ist.

(4) Medium und Format der Kommunikation

Früher waren Telefongespräche und Telegramme sehr teuer. Das führte zu einer künstlichen Knappheit der Zeit, die bestimmte Kommunikationsstile herausgebildet hat. Ähnlich zeichnen sich auch heute soziale Netzwerke durch die darin vertretenen Medien und Informationsformate aus. Einerseits explizit (ich kann bestimmte Dateien auf Facebook posten, andere nicht), andererseits implizit: Online werden viele Texte nur zwei Bildschirmlängen lang gelesen, Video werden nur einige Minuten lang angeschaut etc.

(5) Öffentlichkeit 

Wenn die Beschilderung meines Briefkastens ein Profil auf einem sozialen Netzwerk ist, so ist sie per default öffentlich. Die Briefträgerin wie auch die Einbrecherin haben im Normalfall Zugang. Anders ist es mit meinem Telefonanschluss: Ich nehme an, dass niemand meine Gespräche abhört.

(6) Permanenz bzw. Archiv

Daran kann man anknüpfen: Schilder an einem Briefkasten werden meist in Metall gestanzt und in der Absicht montiert, dass sie Jahre überdauern. Telefongespräche vergehen sofort, sie werden kaum aufgezeichnet. Gewisse Netzwerke archivieren die gesamte Kommunikation, andere keine.

* * *

Traditioneller Schulunterricht ist in vielen der Eigenschaften von (1)-(6) determiniert: Die Kontingenz ist gering. Gearbeitet wird in Klassen, deren Mitglieder sich und ihre Lehrpersonen kennen und ihnen zeitlich und räumlich begegnen. Benutzt wird ein Standardrepertoire an Medien und Kommunikationsformaten, das halb-öffentlich inszeniert wird: Zwar wären Besuche durch Referendarinnen, Mitglieder der Schulleitung oder Eltern denkbar, sie sind aber eher die Ausnahme. Schriftliche Materialien werden ab und zu archiviert, mündliche Aussagen kaum.

Social Media in der Schule bedeutet nun, dass diese Eigenschaften veränderbar werden. Didaktisch-pädagogisch sind nicht alle von ihnen optimal für lernen und lehren. Z.B. kann es lehrreich sein, sich hoher Kontingenz auszusetzen oder es kann förderlich sein, unabhängig von Raum und Zeit lernen zu können.

 

 

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